Warum wir nicht mehr vergessen können und uns erinnern müssen

Gnädiges Vergessen?

Das Thema „Vergessen oder Erinnern?“ beschäftigt die Menschen. Nachdem es jahrhundertelang schwierig war, Erinnerungen überhaupt zu konservieren, sind wir heute angesichts technologischer Entwicklungen ins andere Extrem gerutscht: Was von dem, was wir konservieren können, sollen wir konservieren? Die British Library setzt momentan auch im Internet auf Vollständigkeit, denn frühere Instanzen wie Verlage sind spätestens seit dem Beginn von Self-Publishing sowieso nicht mehr vorhanden. Anders als die Deutsche Nationalbibliothek bezieht sie auch Facebook-Postings und Tweets ein. Und steht vor dem gewaltigen Problem, dass die Menge an Geschriebenem immer mehr zunimmt.

Wichtige vs. unwichtige Inhalte

Philippe Wampfler hat in einem Gastbeitrag auf Netzpiloten, in dem es auch allgemein um die Zukunft von Social Media geht, vorgeschlagen, eine Trennung von Inhalten einzuführen:

Schon allein die Möglichkeit, im Internet vergänglich und nicht-vergänglich kommunizieren zu können, könnte eine Differenz beleben, die für das Funktionieren unserer Erinnerung, für den Wert von Bildern und anderen Medien und für unser Erleben der Realität entscheidend ist.

Diese Trennung wäre in der Tat ein sinnvoller Ausweg, da große Teile der täglichen Kommunikation belanglos sind. Das war früher nicht anders, jedoch mit dem Unterschied, dass diese alltägliche Kommunikation nicht archiviert wurde bzw. man entscheiden konnte, ob man sie archivieren will oder nicht (Beispiel: E-Mail). Heute haben Nutzer keine Entscheidungshoheit mehr, und beispielsweise Facebook dokumentiert jeden noch so kurzen Nachrichtenwechsel, den man jemals mit einer Person hatte. Das entspricht natürlich insofern dem heutigen Kommunikationsstil, als dass man ein Gespräch jederzeit wieder aufgreifen und weiterführen kann – Ähnliches hat auch Dennis in seinen Gedanken zu nonlinearer Belletristik angesprochen. Aber die meisten dürften bereits jetzt merken, wie unübersichtlich Vieles wird.

Priorisierungsmechanismen

Ich spekuliere darauf, dass auch bei interaktiv(st)en Diensten zwar nicht wieder Lösch-, aber zumindest Priorisierungsmechanismen eingeführt werden. Einfach weil viele Nutzer überfordert sein werden, allein bei ihren eigenen Beiträgen den Überblick zu behalten. Facebook hat Derartiges ja bereits in Ansätzen eingeführt, nämlich dass nur bestimmte Beiträge angezeigt werden. Besser ist es natürlich, wenn kein Algorithmus die Wichtigkeit eines Ereignisses bewertet, sondern der Nutzer selbst, wie es zum Beispiel bei Flipboard der Fall ist. Das bedeutet zwar Aufwand für den Nutzer, heißt aber auch, dass er über sein Erinnern und Vergessen selbst entscheiden kann.

Feigheit? Zur Pseudo- und Anonymität in Online-Diskussionen

Inspiriert durch Kathrin Huemer von Buchbranchenbande möchte ich hier unter Pseudonym geäußerten Kommentaren nachspüren. Unsere Facebook-Diskussion darüber bezog sich auf die Kommentare unter Artikeln auf boersenblatt.net.

Gründe für die Pseudonymität

  • Man ist nicht in der Position, um offen seine Meinung äußern zu können. Das ist zwar schade und meines Erachtens könnte man es oft trotzdem tun, aber wenn man privat eine andere Meinung vertritt als in seiner beruflichen Position, wird es wirklich schwierig.
  • Man möchte eine extreme Meinung kundtun und unter Umständen sogar beleidigend auftreten. Kathrin meinte dazu:

Ich glaube, dass Kritik in einem anderen Ton geäußert würde, würden die Leute ihren Namen drunter setzen müssen. So ist das häufig im Stil von „Ewignörgler und Besserwisser“.

Folgen für die Diskussion

  • Man zweifelt sich gegenseitig an. Die anonymen Kommentatoren sind viel mehr als die anderen damit beschäftigt, herauszustellen, dass auch sie überBranchen-/Fachkenntnis verfügen. Was ganz schnell vom Thema ablenkt und auf eine „persönliche“ Ebene geht.
  • Unsachlichkeit: Im Falle eines Artikels zum Suhrkamp-Urteil bemühen sich die Kommentatoren nicht einmal um Sachlichkeit, sondern benutzen ihre Pseudonyme, um in Ruhe spotten zu können. Das erinnert dann eher an einen digitalen Stammtisch als an eine ernsthafte Branchendiskussion.
  • Im schlimmsten Fall: Unfreiwillige Komik. Sprechende Namen sind an sich nichts Schlechtes, aber wenn sich PR-Tante und PR-Onkel streiten und sich auch noch der Opa dazugesellt, fragt man sich früher oder später, wo man da gelandet ist.

Fazit

By Eagleal (Own work) [GFDL (https://www.gnu.org/copyleft/fdl.html), CC-BY-SA-3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/) or FAL], via Wikimedia Commons
By Eagleal (Own work) [GFDL, CC-BY-SA-3.0 or FAL], via Wikimedia Commons
Meist ist es also für die Diskussion als solche destruktiv, dass Pseudonyme verwendet werden. Gelegentliches Lästern zum Spaß ist die eine Sache, aber eine andere Sache ist die, nicht den Mut zu haben, sich offen zu seiner Meinung zu bekennen. Das schwächt meist die Diskussion insgesamt, weil es ein Unterschied ist, ob man für eine Position viele reale Namen auf seiner Seite hat oder „nur“ Pseudonyme – unter letzteren kann jeder alles schreiben, was es oft schwierig macht, sie überhaupt ernst zu nehmen. Daher: Mut zur Meinung!

Die Gretchenfrage

Guter Content ist wichtig, darin sind sich alle einig. Die Gretchenfrage der Neuen Medien scheint vielmehr zu lauten: Was ist denn guter Content?

t3n hat sich dieser Frage gewidmet und kommt auf fünf Erkennungszeichen (grau hinterlegt):

  • Neutral verwendbarer Informationsgehalt

Jein. Wenn, dann muss er auch als neutraler Informationsgehalt seine Daseinsberechtigung haben, siehe nächster Punkt.

  • Nutzwert für die Zielgruppe

Wichtiger Punkt. Nutzwert muss kein Nutzen im eigentlichen Sinn sein, die Erzeugung von Spaß oder Sympathie ist auch okay, aber irgendwas davon muss es geben. Idealerweise wird beim Nutzer ein positives Gefühl erzeugt, diesen Content konsumiert zu haben.

  • Ausreichende Informationsmenge

Ja, unbedingt, ABER auf keinen Fall zu viel davon. Jedenfalls nicht dort, wo die Informationen nichts zu suchen haben. Auf Facebook möchte ich kurze und übersichtliche Posts lesen, Romane haben dort nichts verloren.

  • Glaubhafte Quellen

Oft schwierig heutzutage, aber nichtsdestotrotz etwas, worum man sich bemühen sollte, Stichwort Hoaxes.

  • Bequem aufbereitete Informationen

Vgl. Erkenntnis Nummer 3: Richtige Informationsmenge für richtiges Medium und bitte auf den Punkt gebracht. Die Aufmerksamkeitsspanne im Internet ist meist ziemlich eng und alles, was nicht frühzeitig überzeugt, wird gar nicht erst zu Ende gelesen.

Wofür welche Art von Content gut ist

Nach diesen Weisheiten gibt’s auch noch eine Infografik zu dem Thema, in der es um konkrete Content-Formen geht. Den meisten Aufwand für Erzeuger und Nutzer verursachen interaktive Games, am wenigsten Social Media.

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Quelle: https://t3n.de/news/marketing-content-king-450831/

 

Die Unternehmen sind die Bösen

Es gibt mal wieder eine Studie zur Social-Media-Nutzung in Deutschland, die erfreulicherweise auch interessante Ergebnisse präsentiert. Weitere Informationen und das PDF der Roland-Berger-Studie („German Social Media Consumer Report 2012/2013“) finden sich hier.

Erstes essentielles Ergebnis:

No matter what age, educational background, or income, and no matter where in Germany they live, everyone uses social media.

Das führt dann auch zu „Folgeerscheinungen“ wie der, dass Soziale Netzwerke das zweitwichtigste Kommunikationsmedium nach dem Telefon sind (vor E-Mail und SMS). Und prinzipiell ist Social Media sowieso in allen Lebensbereichen relevant, nicht nur bei der Kommunikation.

Große Ausnahme: das Berufsleben. Soziale Netzwerke und Dienste werden nur von 3 bis 7 Prozent der Nutzer für Arbeitszwecke verwendet. In vielen Unternehmen gibt es Restriktionen oder Verbote für Social Media.

Zweites essentielles Ergebnis:

Companies have not fully adapted to this change in society yet.

By User:Wykis [Public domain], via Wikimedia Commons
By User:Wykis [Public domain], via Wikimedia Commons
Das beinhaltet zum Beispiel die Tatsache, dass der Werbeetats anteilsmäßig überproportional für „klassische“ Werbeformen eingesetzt werden, obwohl Webseiten und soziale Netzwerke bereits 22 Prozent der Kaufentscheidungen beeinflussen. Eine starke Beeinflussung durch Social Media lässt sich feststellen, wenn eine der folgenden Komponenten zutrifft:

  • wichtige Entscheidung
  • sehr aktiver Social-Media-Nutzer
  • niedriges Einkommen (da Kaufentscheidungen hier allgemein stärker hinterfragt werden)

Diesselben Faktoren treffen auch auf die Beeinflussung von Markenbindungen („brand relationships“) durch Social Media zu. Besonders wichtig ist der Einfluss von Social Media bei Kaufentscheidungen im Online-Handel und in der Medienbranche, bei Markenbindungen zusätzlich im Unterhaltungselektronik- und Kommunikationsdienstleistungsmarkt.

So weit, so gut. Allerdings geben etwa 60 Prozent der deutschen Konsumenten an, keinen Nutzwert durch die Verlautbarungen der Unternehmen in Sozialen Netzwerken zu erhalten. 37 Prozent fühlen sich durch die Nachrichten von Unternehmen sogar gestört. Das heißt, dass es an vielen Stellen Nachholbedarf in Sachen B2C-Kommunikation gibt, da die Nutzer sich zwar prinzipiell durch Social Media beeinflussen lassen, aber genau das an vielen Stellen als nutzlos und störend empfinden.

 Weitere interessante Ergebnisse:

  • Der durchschnittliche Internetnutzer ist bei drei Sozialen Netzwerken registriert und kontrolliert diese in der Regel mehrmals am Tag.
  • Ost-West-Unterschiede gibt es keine, dafür Nord-Süd-Differenzen: Internetnutzer aus nördlichen Bundesländern sind aktiver als die aus südlichen, was aber nicht am Gegensatz städtisch – ländlich liegt. (Ob man das wie die Leserevolution im 18. Jahrhundert mit Konfessionsunterschieden erklären kann?)
  • Ein Fünftel der Zeit, die in Sozialen Netzwerken verbracht wird, stammt aus der Nutzung mobiler Endgeräte.

Fazit

Interessant finde ich, dass Social Media als Breitenphänomen bestätigt wird. Oft wird es als Zeitvertreib der eher Jungen abgewertet, aber tatsächlich hat Social Media in allen Altersklassen erheblichen Einfluss (zumindest bei denen, die das Internet nutzen). Wahrscheinlich ist es genau dieser Punkt, der viele Unternehmen bislang verführt hat zu glauben, das Social-Media-Engagement könne man sich ruhig sparen. Jetzt ist klar: Social Media ist kein Hype, und er wird nicht vorbeigehen, sondern sich im Gegenteil noch mehr ausbreiten und immer stärkeren Einfluss gewinnen. Jetzt liegt es an den Unternehmen, das Beste aus diesen Erkenntnisse zu machen: sich auf das neue Medium und die neue Art der Kommunikation wirklich einzulassen.

 

"Meinungen und Ideen möglichst vieler sammeln" – Buchbranchenbande II

Hier ist der zweite Teil des Interviews mit Kathrin Huemer und Karin Hartmeyer, den Köpfen hinter der österreichischen  Buchbranchenbande (den ersten Teil gibt’s hier zum Nachlesen). Sie stehen Rede und Antwort zu ihrer Interviewreihe und erzählen, welche Projekte als Nächstes anstehen.

Bei eurer Interviewreihe „BuchBranchenProfile“ interviewt ihr jeweils Leute aus der Branche – müssen die irgendwelche bestimmten Voraussetzungen erfüllen? Wie trefft ihr hier die Auswahl?

Karin Hartmeyer und Kathrin Huemer

Kathrin: Ziel der „BuchBranchenProfile“ ist, die Meinungen und Ideen möglichst vieler Kolleg/innen zu sammeln, die mit Büchern arbeiten. Das ist einerseits spannend, weil man viel Neues über Leute lernt, mit denen man vielleicht schon lange zusammenarbeitet. Außerdem denken wir, dass es den Zusammenhalt stützt, wenn man liest, wo andere Schwierigkeiten haben, und motiviert, Herausforderungen gemeinsam anzugehen. Konkret heißt das: Wir fragen alle Leute, die wir kennen, ob sie mitmachen wollen und freuen uns, wenn auch weitere Kolleg/innen anklopfen.

Eine weitere Kategorie liegt uns noch sehr am Herzen, die „BuchBranchenBeginnerInnen“. Hier bieten wir Berufseinsteiger/innen eine Plattform für ihre Anliegen. Das ist unserer Ansicht nach in Österreich besonders wichtig, weil hier die schon angesprochene Problematik besteht, dass der Einstieg schwierig ist.

Karin: Auch hier ist uns der branchenübergreifende Blick sehr wichtig. In Umbruchzeiten wie diesen ist es besonders gefragt, „Betriebsblindheit“ zu überwinden und von anderen Branchen zu lernen. Wir sind ja bei Weitem nicht die einzige Branche, die mit den Herausforderungen der Digitalisierung kämpft. Mit der Interviewreihe „BuchBranchenBeobachter“ befragen wir deshalb „branchenferne“ Personen, die oftmals neue Blickwinkel eröffnen.

Generell ist es natürlich eine besondere Herausforderung, Menschen zu finden, die unsere Fragen offen beantworten und tatsächlich ihre freie Meinung äußern können und wollen. Dies wäre quasi eine Art Voraussetzung.

Alles fließt: Was habt ihr noch alles vor?

Karin: Wir wollen mitreden.

Kathrin: Es gibt einige Projektideen, mit denen wir an die BUCH WIEN-Veranstaltungen anschließen möchten. Ich hätte zum Beispiel große Lust, ein Branchentreffen in der Art eines Barcamps zu organisieren. Das Buchcamp in Frankfurt letztes Jahr hat es mir angetan, besonders aufgrund der meiner Ansicht nach gelungenen Mischung aus Fortbildung und Branchenplaudern.

Karin: Außerdem gibt es den Plan, gemeinsam mit unseren Kolleginnen von den Jungen Verlagsmenschen Wien und den ARGE Jungbuchhändler/innen eine Art Buddy-Programm für Brancheneinsteiger/innen auf die Beine zu stellen. Dazu gibt es im Moment erste Brainstorming-Treffen.

Ideen haben wir so viele, es mangelt nur etwas an Zeit :-).

Frauenpower aus Österreich – Buchbranchenbande I

Interessante Gespräche auf der BUCH WIEN arrangieren – das ist nur eine von vielen Ideen der Buchbranchenbande. Wir waren neugierig, was hinter dem Projekt steckt, und haben die beiden Betreiberinnen, Karin Hartmeyer und Kathrin Huemer, zu ihren Zielen und Plänen befragt. Der zweite Teil des Interviews folgt in ein paar Tagen.

Alles fließt: Wer steckt hinter Buchbranchenbande? Was ist euer Ziel und wie kam es dazu?

Karin Hartmeyer

Karin: Wir haben die Bande gegründet mit mehreren Ideen in Kopf: Insgesamt wollen wir uns für eine stärkere Vernetzung von Kolleg/innen einsetzen, die in Österreich mit Büchern – bzw. Inhalten 😉 – arbeiten. Das soll zum einen den Austausch zu spezifisch österreichischen Herausforderungen ermöglichen, zum anderen soll das Ganze sich zum Teil auch online abspielen, damit alle Interessierten jederzeit teilhaben können.

Kathrin: Wir möchten gerne die gesamte Branche abseits der Verbände zusammenbringen – jeder, der Lust und Interesse hat, findet bei uns eine Plattform, um sich zu aktuellen, für die Branche relevanten Themen auszutauschen und seine Meinung und Ideen kundzutun. Wir arbeiten auch eng mit den Jungen Verlagsmenschen Wien und der ARGE Buchhändler/innen zusammen und stehen in Kontakt mit dem Hauptverband des österreichischen Buchhandels.

Unser erstes Projekt – „Book a Chat – Persönlichkeiten aus der Buchbranche erzählen von Werdegang, Arbeitsalltag und Perspektiven im „Berufsfeld Buch“ haben wir für die BUCH WIEN 12 auf die Beine gestellt – und waren sehr erfreut über den Erfolg und das positive Feedback.

Ach ja, „nebenbei“ sind wir im Verlags-Marketing bzw. in der Öffentlichkeitsarbeit eines Verbandes tätig.

Alles fließt: Ich finde es spannend, dass ihr als spezifisch österreichisches Projekt in Erscheinung tretet. Was war der Auslöser für diese Entscheidung?

Karin: Zunächst muss man beachten, dass die historischen und politischen Voraussetzungen und Umstände der Branche in Österreich andere sind als in Deutschland. Wir meinen, dass hierzulande ein ganz besonderer Handlungsbedarf besteht, der in Deutschland in vielen Fällen ein anderer bzw. bereits in erfolgreicher Bearbeitung ist. Hierbei müssen wir unseren deutschen Kolleg/innen ein deutliches Lob aussprechen, die uns mit (Online-)Netzwerken, Barcamps und anderen offenen, ungekünstelten Veranstaltungen sehr inspiriert haben. In Österreich möchten wir die Entwicklung nur zu gerne ein wenig anstoßen und vor allem auch die Vernetzung der bereits bestehenden Netzwerke forcieren.

Kathrin Huemer

Kathrin: Ein weiteres Motiv war und ist die These, dass sich die österreichische Buchbranche vielen spezifischen Herausforderungen gegenüber sieht. Unser Markt ist etwa ein Zehntel so groß wie der deutsche, und für österreichische Verlage ist es schwer, auf dem deutschen Markt zu reüssieren. Hinzu kommt die Ausbildungssituation: Es gibt hier, im Gegensatz zur größeren deutschen Branche, kaum formale Ausbildungen. Es besteht die Möglichkeit, eine Lehre, wie wir das in Österreich nennen, beispielsweise zum/r Buchhändler/in oder zur/m Buch- und Medienwirtschafter/in zu machen. Bei höheren Ausbildungen sieht es dagegen schlecht aus. Für ein praxisorientiertes Studium muss man beispielsweise nach Leipzig oder München. Viele weichen deshalb auf eine Geisteswissenschaft wie Germanistik oder Literaturwissenschaft aus. Vielfach gelingt der Einstieg dann über ein meist unbezahltes Praktikum. Aber auch in diesem Fall gibt es keinen einheitlichen Weg wie bei euch die Volontariate, wo die Rahmenbedingungen recht genau abgesteckt sind. Der Einstieg in die Buchwelt hängt deshalb noch in viel höherem Maße von Vernetzung und sehr großem persönlichen Engagement ab.

Uns interessiert aber ganz einfach auch, mit welchen Problemen unsere österreichischen Kolleg/innen im Alltag zu kämpfen haben genauso wie wir hören wollen, was die Arbeit mit Büchern in der Alpenrepublik so schön macht.

Liebesgesäusel mit der Deutschen Bahn

Eine genervte Bahnfahrerin entscheidet sich für eine nette Form der Kritik: Sie schreibt auf Facebook, dass sie über die Deutsche Bahn enttäuscht ist, ihr jahrelanges Verhältnis mit ihr aufkündigt und jetzt einen Opel fährt. Die Antwort, die sie bekommt, ist im gleichen Stil gehalten – und wird von Renault und Opel aufgegriffen. Ergebnis: Die Dame hat im Handumdrehen eine ganze Menge Verehrer. Hier kann man die ganze Geschichte nachlesen.

Dialogstrategie

Was auf den ersten Blick lustig und unterhaltsam ist, birgt nichtsdestotrotz eine Strategie in sich. Maik vom Deutsche Bahn-Team, der geantwortet hat, beschreibt in einem Interview die Kommunikationsstrategie folgendermaßen:

Unsere Leitlinie ist ja, die Ansprache zu spiegeln, also zu siezen, wenn wir gesiezt werden, und zu duzen, wenn wir geduzt werden.

Diesem Anspruch, die Ansprache zu spiegeln, wurde man zweifelsohne gerechet. Dass sich weitere Firmen ebenso enthusiastisch beteiligten, ist dann aber eher doch dem Spaß-Faktor zuzuschreiben, den die Social Media-Verantwortlichen beim Verfassen der Antworten hatten.

Social Media als Reinigungsservice?

Das Ganze ist ein hervorragendes Beispiel, wie Kundendialog in den Sozialen Netzwerken idealerweise funktioniert. Allerdings wäre es an der Zeit, dass die anderen Kanäle nachziehen. Der beste Social Media-Dialog nützt nichts, wenn der Service an anderer Stelle nicht stimmt. Denn wenn – wie im Falle der Bahnfahrerin – eine Durchsage fehlt und der Ärger bereits entstanden ist, können die Social Media-Leute oft nur noch die Scherben aufkehren.

Wer mag, bezahlt

Das Blog techdirt.com berichtet in einem Artikel über seine eBook-Verkäufe. Die Bezahlung ist freiwillig, trotzdem bezahlt etwa die Hälfte der Nutzer durchschnittlich 4,95$. Hier gibt’s die zugehörige Infografik:

Freiwillig bezahlen

Das Modell ist sympathisch: Jeder zahlt, so viel er möchte, und wenn er nicht möchte, zahlt er eben nicht. Eigentlich ein Modell, das man ruhig öfter verwenden könnte. Natürlich besteht immer ein Risiko, keine oder viel zu wenig Bezahlung zu erhalten, aber wenn ein Projekt/ein Unternehmen/eine Marke genug etabliert ist, sehe ich kein Problem. Die meisten Leute haben in ihrem Wertesystem durchaus die Prämisse, dass Leistung Geld kostet. Und wenn sie eine gute (!) Leistung bekommen, zahlen sie gern dafür.

Verbindung aufbauen

Selbst wenn sie nur wenig Geld haben. Ich erinnere mich an ein Studententheater, das den Eintrittspreis freiwillig gehalten hat: Fast jeder hat nach der Aufführung – obwohl selbst Student und in vielen Fällen knapp bei Kasse – etwas beigesteuert. Möglicherweise macht man mit diesem System insgesamt weniger Umsatz als mit festgesetzten Standardpreisen. Dafür kann man aber mit Käufern rechnen, die diese Art des Bezahlsystems schätzen und dadurch eine Verbindung zum Unternehmen aufbauen. Und genau das ist es ja, worauf es heutzutage ankommt.

Mehr Bewegung um eBooks und ePublishing

Unter dem Titel „Vom Inhalt zum eBook – Wie aus einem Text ein elektronisches Buch wird“ beschreibt Dennis im Blog „Quo Vadis Buch?“ die verschiedenen Möglichkeiten der eBook-Herstellung: Converter, Editoren, Services. Da der Artikel der Auftakt zu einer Reihe ist, lohnt es sich, dort öfter vorbeizuschauen.

Das Quo-Vadis-Team besteht neben Dennis aus Robert Goldschmidt, der sich auch bei unserem Halbadventskalender vor einigen Wochen beteiligt hat, Daniel Seebacher und Peter Schmid-Meil. Das Konzept beschreibt Robert so:

Mit unserem Blog wollen wir rund um das elektronische Buch und Publizieren berichten und Gespräche fördern. Für alle Interessierten der Branche. Für gezieltere Diskussion. Für mehr Konstruktivität. Wir wollen die komplexer werdenden Strukturen des digitalen Publizierens kommentierend begleiten und gewagte Thesen formulieren, um noch mehr Bewegung in das Thema zu bringen.

Wir sind gespannt!

The same procedure …

Zum Jahresabschluss finden sich überall Prophetien, Rückblicke und Zusammenfassungen. Wir haben uns für einen ganz knappen Rückblick entschieden und listen unsere Top 3 der Aufreger der Buchbranche auf:

  1. Self-Publishing: Self-Publisher tun niemandem weh. Noch nicht. Eventuell werden sie es in Zukunft, aber solange Verlage an guten Beziehungen zu ihren Autoren arbeiten, wird es sich um Ausnahmeerscheinungen handeln.
  2. E-Books: Tun auch niemandem weh. Entwickeln sich aber langsam zu einer ernst zu nehmenden Größe, die man gedanklich wie real einkalkulieren sollte. Und zwar schleunigst. 
  3. Online-Konkurrenz: Der eigentliche Aufreger ist, dass es sich noch um einen Aufreger handelt – aber bestädig jammert das Sortiment darüber, dass insbesondere ein großer Player mit großem A im Namen das Geschäft verdirbt. Man könnte sich – wie überall – natürlich auch mit den Realitäten arrangieren und zusehen, dass man sein Geschäftsfeld erweitert. Und das geht (jedenfalls langfristig) nicht allein dadurch, dass man überteuerte DVDs ins Sortiment aufnimmt.

Die Aufstellung ist natürlich rein subjektiv, weswegen wir uns freuen, in den Kommentaren von euren Aufregungen und Erfolgsgeschichten zu hören – es kann ja nicht immer nur Negatives geben. Für einen ebenfalls knappen, thesenartigen Ausblick gerade fürs digitale Geschäft mit digitalen Produkten empfehlen wir die fünf „Predictions“ in der Digital Book World. Von DRM bis zum Startup-Sterben ist alles dabei!

Quelle: Aka @ Wikimedia Commons

In diesem Sinne wünschen wir allen Lesern ein gutes Rüberrutschen nach 2013. Wir bloggen nun in dieser Konstellation seit knapp einem Jahr und sind recht zufrieden mit den Zugriffszahlen und auch mit unserem „Content-Output“, wünschen uns für das neue Jahr aber mehr Diskussionen. Wir sind zuversichtlich, dass auch 2013 spannend wird und genügend Anlass zum Reden und Streiten geben wird. Wir freuen uns auf die Entwicklung der Branche – was immer da kommen mag!