Bücherschau ohne E-Bücher. Oder: Was sich in München literarisch gerade so tut

Bild von Dennis Schmolk vor Vorsicht-Buch-Konstruktion
E-Book-Experte Dennis Schmolk wird vom überdimensionalen Print-Buch nicht nur gefesselt, sondern beinahe auch stranguliert …

Am Samstag war ich mit zwei Freunden auf der Münchner Bücherschau – die Eröffnung hatte ich leider verpasst. Ich war zum ersten Mal dort, hatte keine Ahnung, was mich genau erwarten würde, und war angenehm überrascht: Viele verschiedene Bücher in einer Umgebung, die wirklich dazu einlud, sich hinzusetzen und in Ruhe zu stöbern. Noch schöner fand ich, dass das (kostenlose) Angebot angenommen wurde und man nicht nur auf das klassische Bildungsbürgertum, sondern ein relativ gemischstes Publikum stieß.

Was fehlt? Natürlich die E-Books!

Abbildung einer Postkarte mit Bücherwünschen
Postkarte für Bücherwünsche

Aber natürlich konnte man auch hier früher oder später einen nicht allzu unerwarteten Wermutstropfen finden: Von E-Books keine Spur. Überall waren praktische Postkarten und Stifte, auf die man Bücherwünsche schreiben konnte, aber auf diesen war lediglich der Verweis auf (physische) Buchhandlungen zu finden. Das heißt, dass man zwar dazu angehalten wurde, seine Buchwünsche zu notieren, allerdings wurde man anschließend zu einer „realen“ Buchhandlung gelotst – etwaige Hinweise auf Online-Shops oder Online-Filialen von Händlern gab es nicht. Eine Spur in Richtung E-Books gab es lediglich in Form eines Sony-Readers im Eingangsbereich. Und natürlich kann man argumentieren, dass die Uhren in Bayern etwas langsamer laufen und hier halt alles etwas länger dauert, aber ich frage mich, wie lange diese Verleugnungsphase noch anhalten wird. Da die Veranstaltung vom Bayerischen Landesverband des Börsenvereins ausgerichtet wurde, finde ich das besonders kritisch – natürlich hat er in diesem Fall nur begrenzte Möglichkeiten der Gestaltung, da sich die Unternehmen selbst anmelden und um ihren Auftritt kümmern, aber vielleicht hätte bereits ein wenig gezielte Werbung in Richtung E-Book-Verlage etwas geändert.

Netzwerken in München

Ich möchte die Gelegenheit eines Artikels mit Lokalbezug außerdem zu einer kurzen Werbeeinblendung nutzen und auf die neu konstituierte Junge Verlagsmenschen Gruppe in München hinweisen. Da ich im Orgateam bin, würde ich mich freuen, wenn unsere nächsten Veranstaltungen (Weihnachtsfeier, Exkursionen, Diskussionsrunden …) alle überfüllt sind. Wer Interesse hat, kann sich hier unverbindlich für den Newsletter eintragen: https://jungeverlagsmenschen.de/ort/muenchen

Zufriedenheit mit Amazon in Deutschland am größten: bookboon.com eBook-Umfrage

Einen unbedingten Blick wert ist die bookboon eBook Survey, deren Volltext beim Unternehmen angefordert werden kann. Die spannendsten Ergebnisse in Bezug auf Deutschland:

Die Leser sind mit Amazon am zufriedensten

ImageDie Preise stimmen bei Amazon, die Auswahl wird selten kritisiert und kaum jemand hat Probleme, seinen Kindle mit Inhalten zu bestücken. Ganz anders sieht das bei den klassischen Buchhändlern aus, deren Preise zu hoch liegen. Die Probleme, die Leser mit dem Transfer von eBooks auf Nicht-Kindles haben, würde ich intuitiv auf Adobe DRM schieben.

Preise allgemein zu hoch

Prices of eBooks are too high. 38,6% of tablet owners find eBook prices too high.

Allgemein liegen die Preis zu hoch, sagen zumindest diejenige eBook-Leser, die Tablets haben. Immerhin 11,7% der Befragten gehören zu dieser Benutzergruppe. Insgesamt dürfte es sich dabei eher um die Zielgruppe handeln, die Sascha Lobo zu Folge eBooks gleichberechtigt mit Angry Birds nutzen – bei ihnen konkurriert also der Buchinhalt mit jeder App:

Was die Verlage insbesondere nicht begriffen haben, ist, dass sie auf digitalen Geräten konkurrieren mit Angry Birds. Und das kostet 1,49 € oder so, ein Ebook kommt leicht mal mit 16,90 € um die Ecke.

Nur wenige gehören zu beiden Zielgruppen

607f410980b63e70e7983b4c9c5045c6Die andere Zielgruppe (auf die wir auch mit m@artha abzielten), die älteren, technisch weniger versierten und weniger online-affinen eBook-Leser, ist in Deutschland kaum vertreten. Nur 2,6% der Befragten besitzen einen eInk-eReader (also einen Kindle, Nook, Kobo, Sony Reader, Trekstor, Tolino etc.) – und nur 0,3% besitzen beides.

Fazit

Was lernen wir daraus? Der Markt bleibt spannend, aber einige Akteure müssten allmählich aufwachen und anfangen, eine richtige Konkurrenz zu Amazon aufzubauen. Der Tolino ist das sicherlich nicht. Vielleicht ist es aber auch einfach bereits zu spät: Es geht ja auch niemand mehr davon aus, dass Amazon in Sachen Buchcommunitys nach dem Goodreads-Kauf noch einzuholen ist, oder?

The same procedure …

Zum Jahresabschluss finden sich überall Prophetien, Rückblicke und Zusammenfassungen. Wir haben uns für einen ganz knappen Rückblick entschieden und listen unsere Top 3 der Aufreger der Buchbranche auf:

  1. Self-Publishing: Self-Publisher tun niemandem weh. Noch nicht. Eventuell werden sie es in Zukunft, aber solange Verlage an guten Beziehungen zu ihren Autoren arbeiten, wird es sich um Ausnahmeerscheinungen handeln.
  2. E-Books: Tun auch niemandem weh. Entwickeln sich aber langsam zu einer ernst zu nehmenden Größe, die man gedanklich wie real einkalkulieren sollte. Und zwar schleunigst. 
  3. Online-Konkurrenz: Der eigentliche Aufreger ist, dass es sich noch um einen Aufreger handelt – aber bestädig jammert das Sortiment darüber, dass insbesondere ein großer Player mit großem A im Namen das Geschäft verdirbt. Man könnte sich – wie überall – natürlich auch mit den Realitäten arrangieren und zusehen, dass man sein Geschäftsfeld erweitert. Und das geht (jedenfalls langfristig) nicht allein dadurch, dass man überteuerte DVDs ins Sortiment aufnimmt.

Die Aufstellung ist natürlich rein subjektiv, weswegen wir uns freuen, in den Kommentaren von euren Aufregungen und Erfolgsgeschichten zu hören – es kann ja nicht immer nur Negatives geben. Für einen ebenfalls knappen, thesenartigen Ausblick gerade fürs digitale Geschäft mit digitalen Produkten empfehlen wir die fünf „Predictions“ in der Digital Book World. Von DRM bis zum Startup-Sterben ist alles dabei!

Quelle: Aka @ Wikimedia Commons

In diesem Sinne wünschen wir allen Lesern ein gutes Rüberrutschen nach 2013. Wir bloggen nun in dieser Konstellation seit knapp einem Jahr und sind recht zufrieden mit den Zugriffszahlen und auch mit unserem „Content-Output“, wünschen uns für das neue Jahr aber mehr Diskussionen. Wir sind zuversichtlich, dass auch 2013 spannend wird und genügend Anlass zum Reden und Streiten geben wird. Wir freuen uns auf die Entwicklung der Branche – was immer da kommen mag!