Seid ihr dort? Was lohnt sich? Wovon sollte man Abstand halten? Hat jemand Lust auf einen Kaffee? Fragen über Fragen. Ich bin jedenfalls ab heute bis Sonntag privat in Leipzig und werde vermutlich an allen vier Messetagen auf dem Gelände sein.
Autor: Dennis Schmolk
"Lach- und Sachgeschichten" zum Tolino-Start
Zu Tolino hatte ich ja schon meine Skeptikergedanken geäußert. Eine ausführlichere Betrachtung habe ich bei Quo Vadis geschrieben.
Bricht eine große Allianz die Marktmacht Amazons? (Skeptikergedanken)
Immer, wenn ich höre, dass es Kooperationen geben soll, die sich gegen die Vormacht Amazons im Buchhandel wenden, fallen mir zunächst zahllose Gründe ein, warum das nicht klappen wird. So auch diesmal, wenn lesen.net, PuPerspectives und andere melden, dass „Thalia und Weltbild/Hugendubel, die Deutsche Telekom sowie Bertelsmann […] zu einer gemeinsamen ‚E-Reading-Pressekonferenz‘ geladen“ haben.
Beispiele für meine Gegenargumente: Die kriegen das nicht hin. Die zerstreiten sich. Oder sie schätzen die Kundenbedürfnisse falsch ein und liefern irgend etwas, aber keine Rundum-Sorglos-Lösung wie Amazon. Oder es funktioniert wirtschaftlich nicht, weil niemand dort kauft. Oder es funktioniert technisch nicht.
Ich bin ausgesprochen skeptisch, was die ganze „Mega-Allianz“ betrifft, zumal weder Thalia (Oyo!), Hugendubel, Weltbild noch gar die deutsche Telekom in den letzten Jahren allzu viel Innovationspotenzial an den Tag gelegt haben. Aber ich bin gespannt auf die Präsentation kommenden Freitag und hoffe, eines Besseren belehrt zu werden. Der Markt verträgt Abwechslung und Konkurrenz – mindestens, um dem Kunden hinterher ein noch besseres Amazon zu bieten …
My two cents zu protoTYPE
Bei Quo Vadis hat Robert Goldschmidt ein Interview mit Martin Fröhlich zu protoTYPE, Lehraufträgen, Innovation und Startups geführt. Aber ich hole etwas weiter aus: Es ist knapp ein Jahr her, dass ich mich mit Steffen Meier, Ariane Hesse, Carina Waldmann, Luise Schitteck und dem Initiator Nikolai Eckerlein um einen Tisch auf der Leipziger Buchmesse setzte und wir begannen, m@rtha zu entwerfen. m@rtha sollte eine Plattform werden, die Sortimentern, Verlagsmitarbeitern, Dienstleistern und Geräteherstellern hilft, guten Support für eReader und eBooks zu liefern. Soweit die Kurzform, Genaueres gibt es im protoTYPE-Blog.
In einigen Wochen startet nun die zweite Runde protoTYPE, wieder mitinitiiert von PaperC und damit auch Martin Fröhlich. Mit im Paket waren einige Lehrveranstaltungen an Hochschule, von denen Martin berichtet. Aber er geht auch auf die Zukunft von protoTYPE ein:
Wie ist dein aktuelles Verhältnis zu protoTYPE?
Ich unterstützte weiterhin protoTYPE voll und ganz. Der Börsenverein baut daraus nun ein Netzwerk, was ich befürworte und unterstütze. Meine Prio 1 ist immer noch PaperC und jetzt paperc.com. Ich werde mir das Projekt weiter anschauen und man wird sehen, was in der zweiten Stufe, aus protoTYPE 2013 heraus, entwickelt wird. Ich habe meine Lösungsansätze und Verbesserungsvorschläge bereits dazu abgegeben.
Ursprünglich ist protoTYPE während der Leipziger Buchmesse 2012 gestartet, jetzt kommt die zweite Runde 2013 und es wird einiges verbessert. Wir sind gespannt, wohin die Reise geht.
Das bin ich auch. Ich hoffe, dass die zweite Runde für die Teilnehmer ebenso spannend und interessant wird, wie es die erste für mich war. Ich hoffe aber auch, dass neben gestärkten Netzwerken und Freundschaften noch mehr entsteht. Unser Projekt wurde Ende Januar, also ein Vierteljahr nach dem unspektakulären Abschluss, nochmal von Steffen und Luise in Frankfurt beim Börsenverein vorgestellt. Ich bin ansonsten etwas enttäuscht gewesen, wie pt12 endete, habe diesbezüglich aber schon Feedback gegeben. Ich hätte mir einen gemeinsamen Ausklang mit den anderen Teilnehmern gewünscht, aber nach den Abschlusspräsentationen auf der FBM12 kam es dazu leider nicht mehr. Ich hoffe, dass das für protoTYPE 2013 etwas „runder“ läuft und die Projekte nicht mehr so gefährdet sind, im Sande zu verlaufen, wie bei pt12. Vielleicht ist die Aufgabe von pt13, Routinen und Prozesse zu entwickeln, wie die guten Ideen im Nachhinein verfolgt werden können, auch wenn sich nicht zufällig ein Entrepreneur im Team befindet, der die Umsetzung durchpeitscht.
Ansonsten: Zum Networken und Ideensammeln war es ein unübertroffenes Erlebnis, also macht mit!
Discworld-App macht die Scheibenwelt "transmedial" erlebbar!
Wer sich nicht an der Scheibenwelt von Terry Pratchett sattlesen kann oder diese Fantasy-Welt in anderer medialer Form erleben will, dürfte zur Zielgruppe der neuen DiscWorld-App „Discworld®: The Ankh-Morpork Map For iPad“ gehören. Leider gibt es die nicht für Android, aber das kann ja vielleicht noch kommen. Dann kaufe ich sie mir sicher auch. Sogar für 13 €. Der Trailer verspricht ja schon viel:
Viel lieber wäre es mir aber, ich könnte endlich Zamonien (oder zumindest Atlantis) transmedial erfahren. Darüber habe ich ja schon einmal gemeckert. Höre mich an, Knaus!
Weihnachten 2022 – die überleben wollen! [Halbadventskalender]
Vielen Dank an Steffen Meier, Leitung Verlagsbereich Online beim Ulmer Verlag, für die Antwort auf unsere Halbadventskalenderfrage!
Die feine Ironie des Titels erschließt sich vermutlich eher den Senioren unter den Lesern dieses Blogbeitrags. Für die Nachgeborenen: es handelt sich um eine Anspielung auf den Film „Soylent Green“, auf deutsch eben „Jahr 2022 … die überleben wollen„. Eher eine Dystopie von Regisseur Richard Fleischer mit dem damals omnipotenten Charlton Heston in der Hauptrolle.

Aus der Sicht des Jahres 1973, in dem der Film gedreht wurde, eine potentiell durchaus denkbare Zukunft, in der industrieller Kannibalismus betrieben wird, um Hungersnöte zu vermeiden. Wir Gegenwärtigen, die wir viel näher an diesem Datum leben, empfinden eher amüsiertes Gruseln – undenkbar, dass so etwas in einem zivilisierten Staat in 10 Jahren passieren könnte. Und da kommen wir eben auch zu den prognostischen Problemen, auf die schon Matthias Horx, seines Zeichens Trendforscher, hingewiesen hat: „Wir können uns die Zukunft immer nur als Apokalypse, Konsumhölle oder absurden Comic-Strip vorstellen. Wenn wir aber einmal dort sind, wird sie sich als ganz normaler Ort zum Lieben, Heiraten, Autofahren und Kinderkriegen erweisen.“
Jetzt stellt sich der Schreiber dieser Zeilen natürlich kopfkratzend die Frage, wie er denn elegant den Bogen vom Kannibalismus zum Weihnachtsfest hinbekomme? Am besten durch Ignoranz des vorher Geschriebenen („Was gehen mich meine dummen Worte zwei Absätze weiter oben an?“) und den direkten Sprung zu Horx: Auch Weihnachten 2022 wird ein ganz normaler Ort zum Feiern, Trinken, Beschenken und Familienstreiten sein. Das liegt aber immanent in solchen traditionsbeladenen Festivitäten verankert – wir wollen ja gar nicht Veränderung im Ruheraum Weihnachten, wir brauchen diesen Fixpunkt mit Bezug meist zur eigenen Kindheit.
Ob wir entfernte Verwandte per Fernsehvideofonie belämmern, den einen oder anderen E-Book-Gutschein verschenken oder gar eines der neuen, rollbaren Smartphones, ob wir inzwischen erste Geschenke dem hauseigenen 3D-Drucker entlocken – es wird am Kern des Weihnachtsfestes wenig ändern, es vielleicht in der medial durchdrungenen Alltagshektik zum überlebensnotwendigen Panic Room der Ruhe machen.
Abseits des Weihnachtsfestes wird es aber mit Sicherheit zu Veränderungen kommen, die fortschreitende Digitalisierung unserer Lebens- und Arbeitswelt wird alltäglich sein, Datenbrillen und Digitale Identitäten werden uns beschäftigen, der Schutz unseres digitalen Selbst versus durch Post Privacy erreichbare Mehrwerte bestimmt die Diskussionen. Die Welt wird weitgehend endgültig zum digitalen Dorf – mit allen Nachteilen, die eine Dorfkultur so mit sich bringt. Unsere Loyalitäten verschieben sich hin zu globalen Tribes, weniger zum regionalen Raum, in den wir hineingeboren wurden. Mit Sicherheit wird aber die Wissenschaft weder die Mechanik eines Warpantriebs noch das Geheimnis der sockenfressenden Waschmaschinen geklärt haben (das geschieht erst zehn Jahre später und hat mit schwarzen Miniatur-Löchern und der Entdeckung eines von intelligenten Socken bewohnten Paralleluniversums zu tun).
Insofern wird zumindest Weihnachten 2022 so bleiben wie wir es gewohnt sind – außer, uns fällt doch noch der Himmel auf den Kopf. Oder die Vogonen bauen ihre Umgehungsstraße …
Ich wünsche mir seit Jahren, wenn meine Mutter mich nach meinen Weihnachtswünschen fragt, immer dasselbe: „Ruhe und Frieden“. Das wünsche ich den Lesern dieser Zeilen natürlich auch.
Die Gamifizierung des Lesens
Diese Woche ging das Kickstarter-Projekt The Game of Books erfolgreich zu Ende, das Lesen zu einem Spiel mit Wettbewerbscharakter (Punkte) und Charakterentwicklung (wie bei einem Rollenspiel) zu machen, also das Lesen zu „gamifizieren„:
Imagine a game where you – the reader – are the main character, and every book you read earns you points and rewards. The Game of Books is a game for adventurous readers where the books you read earn you points based on what they are about.
The Game of Books combines the physical world of books with the digital and imaginary. It is a website and mobile app that combines „Foursquare for books“ and Xbox Live-style gamer achievements, earning you badges and points for the rare themes you encounter in books.
At its heart, The Game of Books allows those of us that love reading to earn something extra for what we already love, to become the master of themes that we visit more than others, to discover books we’d otherwise miss, and to track how we have grown as readers over time.
[…]
The Game of Books is an innovative way to keep track of what experiences you’ve gained as you read
Außerdem konnten sich die „Backer“, also die Unterstützer des Projekts, für 10 Euro zu einem Buch bekennen und diesem eine „Somebody loves me“-Plakette verleihen:
Pledge $10 or more
GIVE YOUR FAVORITE BOOK A BADGE!: Show your appreciation for a loved book by buying them a special, „Somebody Loves Me“ badge! For every $10 you pledge to this reward, you receive 1 vote to cast towards any book you like. Doing so will forever earn it the „Somebody Loves Me“ badge, making it more attractive to point hungry readers!
Was zeigt uns der Erfolg (immerhin 109.000 von 102.000$)? Die Backer lieben lesen, sie wollen sozial lesen (durchaus auch mit einem Wettbewerbsgedanken: Wer vergleicht nicht gerne zu Silvester mit anderen Leuten, wieviele Bücher es dieses Jahr ungefähr waren?) und sie wollen spielerisch lesen (mit Erfahrungspunkten und einem „Charakter“, der sich analog dazu entwickelt, was die User lesen.
Das Projekt hatte in den höheren Pledge-Stufen auch „Authors only“ und „Publishers only“-Levels, die fürs eigene Marketing eingesetzt werden können, und Pakete, die für Bibliotheken und Schulklassen mehrere Zugänge zum per Browser und App spielbaren Game bieten. Vielleicht öffnet sich hier auch ein neuer Weg in der Leseerziehung.
Die Demo (The Game of Books) hat bislang einen sehr eingeschränkten Titelkatalog und einen Disclaimer: „This is only a concept demo, and is just for fun. It has no purpose beyond showing how The Game may work. The final Game will likely be nothing like this. We are not controlling for cheating or recording scores. The design, layout, search functions, scores, themes, levels… everything… are open to change.“ man darf also gespannt sein.
Ich finde das Projekt ausgesprochen spannend, aber ich bin da ja meistens sehr schnell zu begeistern, wenn Spiele, Social Media und Crowdfunding beteiligt sind. Was haltet ihr von The Game of Books?
Wir verschenken "Erlebniswelten" [Halbadventskalender]
Zu unserem Halbadventskalender soll natürlich auch ein Beitrag eines Redaktionsmitglieds nicht fehlen. Daher antwortet heute Dennis Schmolk!
Heute nennen wir es „Transmedia Storytelling“, „Experience“ oder „Erlebniswelt“, ich bezeichne es auch gern als „Erzählkosmos“: Verknüpfte Medien, die erlauben, eine Story überall, durch verschiedene Kanäle, jederzeit, vielleicht interaktiv, vielleicht nichtlinear, teilweise oder vollständig zu erleben.

Bislang wurden ARGs, die bekanntese Spielart transmedialen Erzählens, vor allem als Marketinginstrumente (oder Kampagnen) verwendet. Projekte wie The Miracle Mile Paradox etwa zeigen aber, dass ARGs auch als Produkte denkbar sind (und es zumindest eine gewisse Nachfrage gibt). 2022 schenken wir nicht einfach Bücher, Filme, Games, Serien – wir verschenken mediale Erlebnisse, die sich nicht mehr auf einen Kanal oder eine Story beschränken.
Vielleicht verschenken wir den Zugang zu endlosen Spielwelten, zu komplexen Text-Kosmen, interaktiven Filmreihen. Tickets in eine völlig andere Welt, die als Ganzes erfahren werden und nicht mehr nur partiell durch einzelne Medien. In denen man verweilen kann, solange man möchte, ohne repetitiv immer Ähnliches zu tun (wie bei Endlos-Welten a la WoW), in denen man andere Leute trifft, fremde und bekannte, und sich am besten auch noch mit Welten beschäftigt, die man liebt. SIgn me up for Discworld! Sign me up for Zamonien!
Nur bei einem bin ich mir recht sicher: Wir werden bis dahin einen vernünftigen Begriff für die Erzählkosmen haben. Und auch für deren Rezipienten, den man heute vielleicht am besten als „Erleber“ bezeichnet.
Content-Marketing und das Forbes-Modell
Der Wikipedia-Artikel zu Content-Marketing ist entstanden, als ich gerade mit meiner Bachelorarbeit fertig war. Im Kern ging es darin um Content-Marketing und Marketing-Content. (Nein, mit dem Wikipedia-Artikel habe ich leider nichts zu tun.) Dazu eine dringende Lektüreempfehlung: Das Forbes-Modell, Content-Marketing und der verkaufte Kanal bei meier meint. U.a. geht es um Aufmerksamkeitsökonomie:
Und warum sollte die werbetreibende Industrie mitspielen?
Ganz einfach: das Medienbudget des Nutzers ist begrenzt. Sollte die Industrie tatsächlich selber als Content-Player auftreten, muss sich dieser zwischen zwei Angeboten entscheiden. Die Aufmerksamkeit für den einen wird zwangsläufig auf Kosten des anderen gehen. Und noch (!) haben zumindest im Zeitungs- und Zeitschriftenbereich die Medien in ihren Zielgruppen eines: eine Marke.
Darüber habe ich am Rande ebenfalls in meiner BA geschrieben:
Die Überlegungen etwa zur „Währung Aufmerksamkeit“ machen deutlich, dass wir es gerade beim Publikumsmarkt für Bücher mit einem Nachfragemarkt zu tun haben: Die Nutzer haben die dominante Marktstellung inne, da sie ihre Aufmerksamkeit frei auf ein Überangebot von Inhalten verteilen können. Die Unternehmen konkurrieren folglich um diese Aufmerksamkeit, stehen aber vor dem Problem, sie nicht durch herkömmliche und häufig langweilige Werbekampagnen erringen zu können.
([Eigenwerbung] Die Arbeit gibt es jetzt übrigens bei GRIN zu bestellen. [/Eigenwerbung]
An Old School Christmas [Halbadventskalender]
Beate Kuckertz, Verlegerin von dotbooks und Dennis‘ Chefin, danken wir für die Antwort auf unsere Halbadventskalender-Frage!
Das wird sicher ein komplett anderes Fest als in diesem Jahr …
Meine Eltern werden wohl nicht mehr leben, mein Neffe, der sich heute noch über Playmobil-Figuren freut, wird in zehn Jahren komplett andere Interessen haben, aber alles in allem wünsche ich mir, dass Weihnachten ein Fest bleiben wird, an dem sich meine Freunde und Verwandten treffen, miteinander kochen, essen, trinken und Zeit verbringen, sich die schönen und traurigen Geschichten des vergangenes Jahres erzählen und die Wünsche für das kommende anvertrauen. Das wäre dann auch in zehn Jahren noch das Weihnachten, das ich gern feiere.
Vielleicht wird’s ja Wirklichkeit …
