Facebook erfüllt 7 Funktionen. Mindestens.

„Lohnen sich FB und Twitter?“, fragt Martin Grünstäudl in seiner aktuellen Blogparade. Ein kleiner, thesenartiger Beitrag.

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Facebook steht ganz oben bei den Quellen, über die Leser alles-fliesst.com finden. Aufmerksamkeitseffekt: Check!

These: Klar bringen Social Networks etwas. Twitter, Facebook, Xing und LinkedIn sind spezialisierte Tools für Dialoge und Kommunikationen. Und als solche funktionieren sie.

These: Social Networks bringen niemandem etwas außer ihren Gründern, Marketingfritzen und den Medienforschern, die sie in langen Abhandlungen an der Nutzerperspektive vorbei analysieren. Und wo liegt jetzt die Wahrheit? Irgendwo dazwischen? Naja. Man könnte auch sagen: Der Zweck, zu dem man soziale Netzwerke als Mittel nutzt, differiert. Und daher auch die Verwendung. Da wären zum Beispiel:

  1. Aufmerksamkeitsheische. Privat in Form von Unterwäsche-Postings, Jammerei, Troll-Beiträgen, Essens-Fotos. Professionell als Unternehmensmitteilungen und Werbung. Grundidee: Ich posaune an alle hinaus, was mich gerade beschäftigt oder was mich zu etwas Besonderem macht.
  2. Newsstream. Man hält alle, die es interessiert (oder auch nicht) auf dem Laufenden, was gerade äußerlich passiert. Die Katze hat geworfen (oder die Nachbarin), das Restaurant gegenüber bietet günstige Pizza (aber mit Schreibfehler auf der Angebotstafel), Twitter ist down, der Support von Unternehmen XY stinkt.
  3. Recherche. In der Extremform bekannt als „Cyberstalking“, ansonsten eine nützliche Technik, um Informationen über Personen und Sachverhalte zu erhalten.
  4. Information. In manchen Bereichen ersetzen Facebook-Gruppen und vor allem Twitter-Listen mittlerweile meinen Feed-Reader. Das ist auch gut so, weil mein präferierter Reader ja demnächst die Schotten dicht machen wird …
  5. Unterhaltung. Man kann unendlich auf Networks surfen und wird immer etwas Spannendes oder Lustiges entdecken. Das ist zwar nicht der Gipfel der Produktivität, aber die Netzwerke helfen dabei, Zeit zu strukturieren, wie das ein Transaktionsanalytiker ausdrücken würde.
  6. Kommunikation. Man kann mit den Leuten reden. Danke, Captain Obvious. Allerdings wird das immer schwerer. Darum üben gerade ja auch die Messenger einen gewissen Druck auf die Networks aus.
  7. „Networking“. Von der Kommunikationsfunktion zu unterscheiden ist das berufliche und private Freundesammeln, das euphemistisch als „Networking“ bezeichnet wird.

Fazit: Klar funktionieren Social Networks. Mindestens siebenfältig. Und sie sind in Arbeits- und Privatleben schon alleine deswegen unverzichtbar geworden, weil sie helfen, Zeit herumzubringen.

Literatur im Metaversum – Lesungen in SecondLife

Vielen Dank an Thorsten Küper und Kirsten Riehl von Brennende Buchstaben für diesen Gastbeitrag, dem Follow-Up zum letztwöchigen Interview. Die Bilder stammen von BukTomBloch.

„Du beschäftigst dich womit? Lesungen in SecondLife? Aber SecondLife ist doch tot!“

Die Reaktion oben ist uns, der Literaturgruppe Brennende Buchstaben, unseren Gästen und Lesern unserer Blogs wohlbekannt. Deswegen wollen wir heute auch nicht noch einmal auf die alte Diskussion eingehen, ob die Geschichte des wohl bekanntesten Metaversums die eines Scheiterns oder eines dauerhaften Erfolges ist. Wir behaupten Letzteres, Argumente dafür haben wir bereits an anderer Stelle aufgeführt.

BB E-Book Event 2013
Das BB E-Book Event 2013

Vor einer Woche interviewte uns Dennis Schmolk vom Literatur-Blog „Alles fließt“ über Lesungen in ScondLife und wir hatten ihm angeboten, einen Artikel über das Thema und unsere Erfahrungen damit zu schreiben. Werfen wir also einen Blick auf SecondLife als Literaturplattform.

2007 gründete Kirsten Riehl – eine der beiden Autoren dieses Artikels – die Brennenden Buchstaben. Autor Nummer Zwo, Thorsten Küper stieß 2009 zur Gruppe und wir beide zusammen veranstalten seit dieser Zeit regelmäßig Literaturevents, Ausstellungen, gelegentlich auch Konzerte im Metaversum. Lesungen in SecondLife sind keine neue Erfindung. In den letzten Jahren haben sich viele Autoren in Avatargestalt im Cyberspace gezeigt, dort Texte vorgestellt oder sich Interviews gestellt. 2008 hat Thorsten Küper beispielsweise für telepolis einen Artikel über einen Auftritt von Charles Stross in Secondlife geschrieben.

Das Standing von virtuellen Lesungen ist im englischsprachigen Raum etwas besser als hierzulande. In Deutschland konnte sich SecondLife als Bühne für Lesungen bisher nicht richtig durchsetzen. Wir finden das erstaunlich. Ein Grund dafür könnte der verspätete, aber übertriebene Hype des Jahres 2007 und der darauf folgende drastische Imageabsturz gewesen sein, der vor allem mit dem missverstandenen Rückzug großer Unternehmen aus SL zu tun hat.

„Literatur im Metaversum – Lesungen in SecondLife“ weiterlesen

"Die aktivste Art, mit Literatur zu hantieren": Interview mit Thorsten Küper zu Second Life

Thorsten Küper, Blogger, Second Life-Experte, Telepolis- und Sci-Fi-Autor und zusammen mit Kirsten Riehl Gründer der Literaturgruppe Brennende Buchstaben, beantwortet in diesem Interview ein paar grundlegende Fragen zu Second Life (SL). Ein zusammenhängender Gastartikel folgt demnächst. Wie findet ihr das Konzept, Chat-Protokolle als Interview aufzubereiten?

Links zum Einstieg:

„SL gilt als tot, weil die Journalisten vom Cybersex enttäuscht waren“

Dennis Schmolk: Hi Thorsten, meine Grundfragen zu „Second Life für Autoren“ sind: Was läuft dort, wie kommt man rein als Autor, wie kommt man rein als Leser, was bringt es beiden Parteien? Und vor allem: Was entsteht auf SL Neues – ist das „nur“ eine Plattform für digitales (Vor-)Lesen oder entstehen dort neue Contentformen, Inhalte etc.? Kannst du uns einen kurzen Überblick geben?

Kueperpunk Korhonen: Zum allgemeinen Einstieg empfehle ich unser Tutorial (s.o., Anm. d. Red.).

Ich denke, es gibt tatsächlich einige Ansätze, die über das blanke Vorlesen hinausgehen. Wir haben beispielsweise schon mehrere Kurzgeschichten in Theaterstücke umgesetzt. Davon abgesehen ist selbst die klassischer Lesung auf dieser Plattform so etwas wie Neuland – schwer nachvollziehbr, warum sie bisher kaum dafür benutzt wurde.

Dennis SchmolkVielleicht, weil SL immer noch so ein „Das war 2007 mal ein Hype und ist jetzt tot“-Image anhaftet (mal ganz provokant gefragt)?

Kueperpunk KorhonenNein, du hast das Problem exakt auf den Punkt gebracht. Genau da liegt der Hund begraben. Ich sage ja immer, SL war deswegen so schnell unten durch, weil sämtliche Journalisten so enttäuscht vom Cybersex waren. *lach*

Dynamische Inhalte, 3D-Games und virtuelle Theaterstücke

Dennis SchmolkWas denkst du denn, was an neuen Inhalten dort entstehen (und vielleicht auch in andere Medien schwappen) kann? Ich denke etwa an interaktiv erfahrbare „Literatur“, vielleicht etwas Nonlineares (wie es in reiner Textform z.B. von Tools wie https://writer.inklestudios.com/ gerade erprobt wird als „SL-Rollenspiel“).

Kueperpunk KorhonenDenkbar, aber wir reden schon beinahe über alte Hüte. Diese Hypertextexperimente haben nie wirklich gegriffen, es gab sie ja schon Mitte der Neunziger. Ich sehe da eher die Medienkonvergenz bei der Arbeit. Das Format Internetradio läuft zusammen mit Literatur und 3D-Games und manchmal wird auch noch ein Machinima draus.

Kueperpunk KorhonenIch habe meine in c´t erschienene Kurzgeschichte Debugging You über einen Polit-Stalker dort in ein Ein-Mann-Bühnenstück umgewandelt. Zum Beispiel.

Dennis SchmolkJa, eigentlich haben diese Ideen ja seit Vannnevar Bush nur Nerds begeistert und nie richtig greifen können – vielleicht liegt das ja daran, dass Schriftmedien nicht das Richtige sind. Denn im Gaming-Bereich basiert ja alles auf Interaktion und Nonlinearität (zumindest in vielen Genres). Daher dachte ich eben daran, dass SL dafür der richtige Ort sein könnte!

Kueperpunk KorhonenEs gibt übrigens interaktive literarische Spiele. Ein Freund von mir arbeitet mit daran. Da haben wir unter Umständen, das was du suchst. Vergleichbar mit klassischen Adventure Spielen. Gegenstände aufspüren, weiterkommen.

Dennis SchmolkWie sehen die für den User aus? So im Sinne eines klassischen Multi-User-Dungeon-Games? Oder ein Single-Player-Rollenspiel/Adventure?

Kueperpunk KorhonenIn dem Falle reden wir eher von einer Single Player Erfahrung, wobei du ständig anderen Spielern über den Weg läufst. 

Ebenfalls spannend: Real Life/Second Life Experimente. Lesungen werden ins Real Life übertragen. Oder das SecondLife Publikum verfolgt ein Realevent. Ein wie ich finde sehr schönes Beispiel:

Vor einiger Zeit habe ich den Autor Frederic Brake zu einer Lesung eingeladen. Daraus hat sich sehr schnell eine Zusammenarbeit ergeben, aus der ein Thaterstück entstanden ist. Aktiver kann man eigentlich gar nicht mit Literatur hantieren. Ein Ensemble wurde gebildet, es wurde über Wochen hinweg geprobt, Scripter mussten Animation erstellen, Kostüme wurden entworfen und Settings gebaut. Ich denke, in dieser Richtung kann sich noch viel bewegen.

60 Autoren nach Second Life „importiert“

Dennis SchmolkKlingt alles sehr spannend. Wie viele Literaturschaffende zählt denn die deutsche SL-Szene? Du hast da bestimmt einen guten Überblick. Und verschmelzen die Konsumenten- und die Produzentenrollen in SL? Werden „Leser“ zu Autoren und steuern selbst etwas bei?

Kueperpunk KorhonenBisher haben wir über 60 Autoren nach SL „importiert“ – also im Crashkurs vermittelt, wie man den Client benutzt und sich hörbar macht. Einer der letzten war Michael Meisheit – Drehbuchautor bei der Lindenstrasse.

Konsumenten werden gelegentlich zu Produzenten, ich beobachte immer wieder User, die sich inspirieren lassen und auf die Idee kommen, zum Beispiel einen Buchladen in SecondLife zu bauen. Da ich selber Science Fiction Autor bin, sind wir gelegentlich etwas „lastig“ in diese Richtung, aber wir versuchen mit Satire, Lyrik, Krimis und Thrillern auszugleichen. Und wir holen tatsächlich Leute rein, die man auch im Buchladen findet: Arno Strobel, Karl Olsberg, Thomas Thiemeyer, Michael Marrak, usw…

„Unkommerziell und ohne jede Absicht, Geld zu verdienen“

Dennis SchmolkDann noch eine letzte, ganz provokante Frage für dieses Kurzinterview: Wie sieht es denn mit Monetarisierung aus? Ist dein/euer SL-Engagement als Marketing zu verstehen, als Hobby, oder ist SL irgendwann als Plattform vielleicht auch zum Verkauf geeignet?

Kueperpunk KorhonenWir persönlich machen das unkommerziell und ohne jede Absicht, Geld zu verdienen. Also für Ruhm und Ehre. Nein, wir haben einfach Spaß an Literatur und den „neuen Medien“ und sind selber auch Vortragende. Ich lese regelmäßig eigene Texte, mache dort auch Comedy Programme, die ich rl in Poetry Slams benutzen kann. Und wir wollen auch neuen Autoren oder weniger bekannten eine Bühne bieten. Da nimmt man keine Eintrittsgelder. Ich halte SL aber auch nicht für völlig ungeeignet als Buchverkaufsplattform. Wir stellen zum Beispiel sehr regelmäßig neue ScienceFiction Anhtologien oder Bücher aus anderen Genres vor. Das ist natürlich auch werbewirksam.

Man darf einen wesentlichen Punkt nicht übersehen:

SL bietet eine einfache Möglichkeit, die Lesung eines Autor zu besuchen, die einem sonst aufgrund der Distanz entgehen würde.

 Simpel, aber ein guter Grund.

Dennis SchmolkIch glaube ja immer an das Gute im Menschen – denkst du denn, die Leute wären bereit, solche Angebote finanziell auf freiwilliger Basis zu entlohnen? Also etwa zu „flattrn“ oder eine „virtuelle Lesereise“ via Crowdfunding zu unterstützen? Oder denke ich dazu naiv?

Kueperpunk KorhonenWir haben nie danach gefragt. Aber wenn man lieb fragt, flattrt vielleicht auch jemand. Ein bißchen Crowdfunding ist sowieso mit drin, denn ein Theaterstück wie der „Drachenblues“ (der Kollegen der Kulturschaukel aus dem virtuellen Köln, das muss ich hier mal deutlich hinzufügen: Das Stück ist nicht UNSER Projekt) lebt davon, dass die Teilnehmer selber etwas Geld investieren – für Requisiten, ihre Kostüme usw.

Wenn Lesungen in Metaversen bekannter werden und folglich mehr Zuschauer finden, dann lässt sich auch Richtung kommerzieller Nutzung vielleicht mehr daraus machen. Der Punkt für uns war nie die kommerzielle Nutzung. Wir arbeiten gern dran und verwerten alles was dabei herauskommt auf unseren Blogs. Nicht fiskale Entlohung würde ich das nennen.

Dennis SchmolkDanke dir vielmals für dieses Gespräch! Wir freuen uns auf einen längeren Artikel von dir!

Tolino und Piratenportal: Zahlen und Fakten

Vermischte Zahlen werden heute herumgereicht. Erstens zum Tolino – leider nur Hoffnungen und nichts Konkretes:

„Unser Marktanteil hat sich durch Einführung des Tolino nicht verschlechtert“, stapelte Halff im Rahmen einer Diskussionsrunde zum deutschen E-Book-Markt zunächst tief – um später mit Blick auf den eigenen „ehrgeizigen Absatzplan“ konkreter zu werden: In diesem Jahr rechne er mit einem Gesamtabsatz von 1,4 Mio E-Readern in Deutschland. Ziel sei, dass die Tolino-Partner einen Anteil von über 36% erzielten. (Buchreport)

Andererseits zu einem Piraterie-Portal für eBooks:

Wir sind auf dem langen, beschwerlichen Weg zur ersten Millionen Downloads pro Monat. Sichtweite ist immerhin hergestellt. Augenblicklich prognostizieren wir um die 850.000 Downloads.

Zugriffe prognostiziert auf Monatesende: 5,2 Millionen. Das sind alle Aufrufe unserer verschiedenen Seiten. (torbooks)

Und in other news:

[Verleger müssen] bei der E-Book-Revolution den „Reset-Button“ drücken und sich organisatorisch neu aufstellen – es müsse in den Verlagen Mitarbeiter geben, die ausschließlich für den digitalen Bereich zuständig seien. (Buchreport)

Nonlineare Zukunft der Belletristik? Eine Reflexion über verschenkte Möglichkeiten

Ich fantasiere seit Langem über einen WhatsApp-Roman – so etwas wie den modernen Briefroman. Mir schien nur die Form „Roman“ immer unangemessen. Denn im Gegensatz zum weitgehend linearen Brief des 19. Jahrhunderts, ist die WhatsApp-Kommunikation zumindest bei mir immer massiv durchsetzt mit Kommunikation in anderen Kanälen. In WhatsApp wird zum Thema, was telefonisch, persönlich, über andere Netzwerke reinkommt und rausgeht. WhatsApp ist eben nur ein Kanal unter vielen, während der Brief zum Handlungszeitpunkt des Briefromans häufig der einzige Kanal war und höchstens im Voraus oder im Nachhinein ein persönliches Treffen thematisierte.  Trotzdem erzählt ein Gesprächsprotokoll manchmal eine tolle Geschichte. (Und sicherlich denkt nun jeder Leser, ganz zurecht, an eine Liebesgeschichte.) Die WhatsApp-Kommunikation ist gekennzeichnet durch Querverweise und Kontingenz. Ich schicke sechs Nachrichten mit verschiedenen Inhalten, bekomme aber nur auf zwei der Inhalte eine Antwort, während vier Themen unwidersprochen stehen bleiben und drei neue aufgemacht werden. Es ist schnelle, direkt Kommunikation, häufig sich zeitlich überschneidend. Wie bildet man das ab? Das Gehetzte, Spontane dieser Kommunikation? (Analoges gilt natürlich für SMS- und Handyromane.)

Nonlinear ist ja nicht ganz neu

Ein anderes Feld: Ich bin leidenschaftlicher Rollenspieler. Mit Rollenspielen bzw. verwandten Themen haben sicherlich viele Leute durch „Entscheidungsbücher“ Erfahrungen gemacht, also Bücher, in denen der Leser in die Geschichte eingebunden wird, indem er Entscheidungen trifft. „Wenn du dem linken Pfad folgst, lies weiter bei Kapitel 181. Wenn du rechts herum gehst, lies weiter bei Kapitel 17.“ Die Struktur des Plots und die Form des Buches übernehmen die Rolle des Spielleiters, der den Spielern sagt, welche Auswirkungen ihre Entscheidungen haben. Seit Jahren finde ich spannend, wie weit die alten Hypertext-Ideen in ihrer Dynamik gingen. Bei Vannevar Bush angefangen. Und es enttäuscht mich immer wieder, wie weit die heutigen Umsetzungen von digitalem Lesen dahinter zurückfallen, welche Möglichkeiten verschenkt werden. Diese Ideen würden auch meine Idee eines Chat-Protokoll-Romans möglich machen. Warum sind eBooks nur langweilige Reproduktionen von Printbüchern? Ich gebe zu: eReader haben auch Vorteile, wenn man sie nur als umfangreiche, leichte Riesen-Bibliothek mit sich führt. Aber sie könnten so viel mehr. EPUB 2, das lineare eBook-Format, und die heutigen Reader, die ebenfalls kaum mehr als lineare Texte abbilden können (der Tolino beherrscht ja nicht einmal Links), sind nicht innovativ. Letztlich braucht niemand eine Buch-Kopie in digitaler Form. Das Medium Buch ist toll, in dem, was es kann. Das eBook wird sich nur durchsetzen, wenn es darüber hinaus geht.

Der WhatApp-Roman auf dem Tablet: Die Zukunft?

inkleUnd hier kommen die Gedanken zusammen: Was wir brauchen, sind innovative „enhanced“ eBooks und Geräte, die sie darstellen können. WhatsApp-Romane auf Tablets zum Beispiel. Daher ist Amazons Richtung, das eReading mit dem Kindle Fire in Richtung Tablets zu entwickeln, ein wichtiger und richtiger Schritt (den Apple ja bereits gegangen ist). Wenn mir in den kommenden Tagen Zeit bleibt, werde ich das in o.g. Artikel erwähnte Tool inkleWriter einmal ausprobieren, um eine kleine nonlineare Story „zu Papier“ zu bringen.EPUB 3 als Exportformat wird zwar noch nicht breit unterstützt – aber wir müssen ja die Hoffnung nicht aufgeben …

Was denkt ihr? Denke ich noch zu konservativ und textlastig? Oder zu innovativ, weil es für diese Inhalte und Formen keine Zielgruppe gibt? Habe ich Experimente (gerade aus dem Bereich Interactive bzw. Transmedia Storytelling) übersehen?

"Lesen ohne Limit" – Verzichtet auf DRM!

eBookNews startet eine Blogparade zum Internationalen Tag gegen DRM. Das verdient Unterstützung – und einen Beitrag!

Digital Rights Management nervt. Der lästige Kopierschutz setzt dem elektronischen Leseerlebnis enge Grenzen. Jedes Buch, an jedem Ort, auf jedem Gerät? Das wäre schön. Doch leider bleibt das große Potential von E-Books bisher oft ungenutzt.

Stimmt. Nicht nur die inhaltlichen Innovationsmöglichkeiten von eBooks (Anreicherung, Dynamik, …) werden von Geräten, Software und nicht zuletzt den Programmverantwortlichen ungenutzt gelassen. Auch die rein formellen Chancen, die digitale Bücher bieten, bleiben außen vor. Umfassende Verfügbarkeit. Freiheit und Teilbarkeit der Inhalte. Beide Probleme rühren aus einer Quelle: Angst.

Warum? Weil viele Verlage, aber vor allem Autoren und Agenturen aus Angst vor Piraterie und Kopierbarkeit auf DRM, also den technischen Schutz der Verwertung ihrer Inhalte, bestehen. Das Grundproblem: DRM ist ein gewaltiger Hemmschuh (genau dafür ist es ja auch da) und bringt nichts.

DRM ist ein Problem für Kunden – zumindest für die ehrlichen

Dass DRM für massenweise Probleme sorgt, haben wir im Rahmen des protoTYPE-Projekts M@rtha ausführlich recherchiert. Denn: Kunden haben Probleme mit ADE (Adobe Digital Editions), der wesentlichen Software-Lösung für Buch-DRM. Die Software ist nicht komfortabel, sorgt für Supportbedarf und Frustrationen, behindert also sowohl die Verbreitung von eReading unter Lesern wie auch von Inhalten in sozialen Kanälen. Schon vor einem knappen Jahr habe ich in o.g. Artikel festgestellt:

Auch wenn die Aussage, dass 90% aller Supportfälle DRM-bezogen sind, sicher nicht auf alle Handelsstufen und Unternehmen zutrifft, liegt hier vieles im Argen.

DRM bestraft die Kunden, die Geld für Buchhandelsprodukte ausgeben, und hilft keinen Deut gegen die Praktiken von unehrlichen „Kunden“. Denn DRM-Maßnahmen, egal, ob im Kindle- oder iTunes-System verankert oder durch ADE aufgesetzt, lassen sich umgehen. Punkt. Dafür braucht man die kostenlose Software Calibre und ein paar Plugins – oder man lädt sich ganz einfach gleich bei einer der zahllosen illegalen Plattformen den „befreiten“ Content herunter, wie das der „Buchpirat“ Spiegelbest ausdrückt.

Es fehlen gute Angebote

Es ist dasselbe Problem wie bei TV-Serien: Es gibt keine vernünftigen Angebote. Bei Serien vermisse ich einen Streaming-Dienst, der mir die neuen Episoden Justified und Breaking Bad für 99ct liefert. Das wäre ich zu zahlen bereit. Aber ich will die Serien zeitgleich mit der US-Ausstrahlung sehen, auf Englisch, ohne Werbung und Restriktionen und nicht ein Jahr später, auf deutsch und auf RTL II oder als kompliziert zu entschlüsselnde Datei. Ich will meine eBooks in der Form, wann und wo ich will und ohne DRM, ich will Passagen teilen, Kopien für verschiedene Geräte und vielleicht auch eine Privatkopie für einen Freund anfertigen können. Kurz: Ich gebe gerne Geld für Inhalte aus, aber ich will auch vollwertige Inhalte und mindestens den Nutzungsumfang, den mir auch ein Printbuch bietet.

Mein Arbeitgeber, dotbooks, fährt im Übrigen nicht schlecht mit der Strategie, keinen Kopierschutz aufzusatteln – unsere Bücher sind DRM-frei, wo es geht. (Kindle und iTunes setzen natürlich ihr DRM auf – aber jeder goldene Käfig hat eben seinen Preis.)

Die Devise muss lauten: Kein DRM! Nirgends!

Zufriedenheit mit Amazon in Deutschland am größten: bookboon.com eBook-Umfrage

Einen unbedingten Blick wert ist die bookboon eBook Survey, deren Volltext beim Unternehmen angefordert werden kann. Die spannendsten Ergebnisse in Bezug auf Deutschland:

Die Leser sind mit Amazon am zufriedensten

ImageDie Preise stimmen bei Amazon, die Auswahl wird selten kritisiert und kaum jemand hat Probleme, seinen Kindle mit Inhalten zu bestücken. Ganz anders sieht das bei den klassischen Buchhändlern aus, deren Preise zu hoch liegen. Die Probleme, die Leser mit dem Transfer von eBooks auf Nicht-Kindles haben, würde ich intuitiv auf Adobe DRM schieben.

Preise allgemein zu hoch

Prices of eBooks are too high. 38,6% of tablet owners find eBook prices too high.

Allgemein liegen die Preis zu hoch, sagen zumindest diejenige eBook-Leser, die Tablets haben. Immerhin 11,7% der Befragten gehören zu dieser Benutzergruppe. Insgesamt dürfte es sich dabei eher um die Zielgruppe handeln, die Sascha Lobo zu Folge eBooks gleichberechtigt mit Angry Birds nutzen – bei ihnen konkurriert also der Buchinhalt mit jeder App:

Was die Verlage insbesondere nicht begriffen haben, ist, dass sie auf digitalen Geräten konkurrieren mit Angry Birds. Und das kostet 1,49 € oder so, ein Ebook kommt leicht mal mit 16,90 € um die Ecke.

Nur wenige gehören zu beiden Zielgruppen

607f410980b63e70e7983b4c9c5045c6Die andere Zielgruppe (auf die wir auch mit m@artha abzielten), die älteren, technisch weniger versierten und weniger online-affinen eBook-Leser, ist in Deutschland kaum vertreten. Nur 2,6% der Befragten besitzen einen eInk-eReader (also einen Kindle, Nook, Kobo, Sony Reader, Trekstor, Tolino etc.) – und nur 0,3% besitzen beides.

Fazit

Was lernen wir daraus? Der Markt bleibt spannend, aber einige Akteure müssten allmählich aufwachen und anfangen, eine richtige Konkurrenz zu Amazon aufzubauen. Der Tolino ist das sicherlich nicht. Vielleicht ist es aber auch einfach bereits zu spät: Es geht ja auch niemand mehr davon aus, dass Amazon in Sachen Buchcommunitys nach dem Goodreads-Kauf noch einzuholen ist, oder?

Kurzrezension: Literatur und Digitalisierung

Der hübsch ausgestattete Band – bei diesem Preis kein Wunder, s.u. – enthält eine ganze Reihe von Artikeln und Beiträgen, einige davon rein akademischer Natur (und damit irgendwie immer veraltet), andere mit mehr praktischem Schwerpunkt. Denn der Band „richtet sich [auch] an Personen, die beruflich mit Literatur zu tun haben (z.B. Lehrer, Bibliothekare, Buchhändler)“. Leider vermisse ich den Praxisbezug zu oft. Einige Beiträge in „Literatur und Digitalisierung“ passen nicht ganz ins Thema – etwa der Hörbuch-Beitrag meiner ehemaligen Unidozentin Sandra Rühr.

Digitalität trifft Tradition

In den vier Kapiteln Öffentlichkeit und Autorschaft im digitalen Zeitalter, Digitales Publizieren, Lesen im Zeichen des Medienwechsels und Wissenschaft und Archiv versammelt der Band 12 Beiträge. Am Anfang steht ein Vergleich von eBook und Buch – leider nicht immer aktuell, leider nicht immer treffend. Ein Beispiel (S. 15):

In der Praxis orientierten sich die Hersteller in Konzeption und Design der Geräte am Buch und inszenierten eine elektronische Simulation des Buchlesens, die vor allem an folgenden Merkmalen zu erkennen ist: – Das Format der elektronischen Lesegeräte ist einem durchschnittlichen Buch angeglichen. – Der Text ist in Seiten aufgeteilt und paginiert. – Fußnoten oder Anmerkungen werden meistens tatsächlich am Fuße des Texte oder der Seite angezeigt und sind nicht mit der Stelle verlinkt, auf die sie sich beziehen.

Das stimmt so nicht, der Kindle etwa unterteilt in Lesepositionen, was von klassischer Seitengestaltung unabhängig funktioniert – schließlich sind in einem EPUB (oder dem daraus konvertierten MOBI) die Sinneinheiten auch eher Kapitel als Seiten: Meistens sind Abschnitte in separaten XHTML-Dokumenten untergebracht. Verlinkte Fußnoten funktionieren auch sehr gut – abgesehen vom Tolino natürlich, auf dem ich hier wieder herumhacken muss, weil er keine Links kann. Gute Referenzen und zitierwürdig sind die Beiträge zum geänderten Leseverhalten und zur Marktentwicklung. Ich hätte mir zu rechtlichen Rahmenbedingungen aber mehr gewünscht als „es ist schwierig“ – z.B. eine genaue Analyse, was Archive und Bibliotheken bräuchten, um endlich wieder genauso zu funktionieren wie zu analogen Zeiten, oder wie sie sinnvoll durch kommerzielle Dienste ersetzt werden können.

Ist das ein eBook?

Massiv enttäuscht wurde ich von der eBook-Ausgabe. Und da kommen wir zu einem monetären Kritikpunkt: „Literatur und Digitalisierung“ hat einen wirklich wissenschafltichen Verkaufspreis von 99.95 für die Printausgabe, 99.95 für das „eBook“ und 149.95 für das Bundle.
preise Das ist nicht gerade ein Schnäppchen, das man mal eben mitnimmt, und sicherlich auch für kaum eine Schule in der Anschaffung zu rechtfertigen, was dem Klappentext widerspricht. Wer nun überlegt, lediglich die eBook-Ausgabe anzuschaffen, sei gewarnt: Man erhält kein Buch. Also auch kein digitales. Man erhält lediglich Zugang zu einem Online-Viewer einer PDF-Ausgabe und kann sich den Inhalt des Buchs kapitelweise (!) als PDF herunterladen.
Das Buch ist nicht kompliziert aufgebaut und enthält wenige Graphiken, würde sich also für ein ePub durchaus anbieten. Auf Nachfrage beim Support, den ich wegen Login-Problemen beim Zugang zu meinem digitalen Rezensionsexemplar konsultieren musste, erfuhr ich, dass sich DeGruyter allerdings bewusst gegen eine Einzeldatei entschieden habe:

Bitte beachten Sie, dass wir unsere eBooks nicht zum Komplettdownload bzw. als ePub anbieten, sondern vielmehr ein dauerhaftes Nutzungsrecht des Titels über unsere Verlagsplattform De Gruyter Online. […] eBook bezeichnet ein Buch in einem elektronischem Format. Wir stellen unsere elektronischen Bücher im PDF-Format zur Verfügung. Diese PDFs lassen sich auch auf mobilen Endgeräten (Tablets) öffnen und lesen, wir haben keinen eigenen PDF-Viewer auf unserer Seite in Betrieb. Für Wissenschaftsverlage ist die Bereitstellung der Inhalte über Content-Plattformen nicht unüblich, da die Kundschaft größtenteils aus Bibliotheken besteht, die die Inhalte Ihren Nutzern über eben diese Plattformen zur Verfügung stellen, was mit ePubs nicht ohne Weiteres möglich ist.

Ich interpretiere das so: Ich erwerbe den Zugang zu einem PDF, das ich aber nur häppchenweise herunterladen kann. Es steht mir anscheinend frei, diese Schnipsel dann in einer Datei zusammenzuführen, aber das muss ich selbst tun. Ansonsten habe ich ein lebenslanges (?) Nutzungsrecht der Online-Plattform – falls DeGruyter nicht pleite geht und meine Inhalte verschwinden …
Von dieser Form von „eBook“ bin ich doch etwas enttäuscht. Ein klassischer Fall, wo ein pirateriertes eBook komfortabler und ansprechender wäre als das Produkt, das mir der Verlag anbietet. (Ich habe nicht recherchiert, ob man das Buch über einschlägige graue Kanäle bekommt.) Eigentlich schade bei einem inhaltlich zukunftsgewandten Produkt!

Lesetipp: eBook-Survey von BookBoon.com

Pflichtlektüre für eReading-Freunde: Die Bookboon.com’s Global eBook Survey liefert diverse interessante Erkenntnisse. In summary:

eBooks are facing a very interesting time ahead as about 75% of the respondents are expecting to be reading eBooks in 2015, and half of the respondents expect the majority of their book reading to be eBooks. As a result, 2015 may in many ways be a defining year for eBooks, as they will overtake printed books in units sold.

The huge success of tablet computers and eReaders is the major driver behind this development and in most markets these portable eReading devices will reach a 50% market penetration by the end of 2013.

New eBook markets such as Germany and Scandinavia will see a significant adaptation to eBooks in 2013. At the same time, more developed markets such as the UK and the US will still see a significant growth.

Wir dürfen also gespannt sein. Insbesondere denke ich ja, dass nach den ganzen als „Jahr des Tablets“ apostrophierten Jahren nun endlich das eReading-Tablet-Jahr anbrechen könnte.