Und sonst so? Der Buchbranchen-Dezember im Überblick

Die letzten Wochen galten unserem Adventskalender. Daher habe ich mir ein paar Aufreger gemerkt, die ich jetzt loswerden möchte. (Disclaimer: Dieser Artikel leitet das Ende der Besinnlichkeit auf „Alles fließt“ ein – wer damit Probleme hat, sollte diesen Artikel erst nach Heiligdreikönig lesen.)

6.12. Flashmob zum Kauf von Büchern in einer Indie-Buchhandlung

Ich gebe zu, dass ich erst am Tag selbst von dieser Aktion erfahren habe. Als ich dann davon gelesen habe, war ich erstmal sprachlos – aus zwei Gründen:

1. Der Begriff Flashmob bezeichnet eine Aktion, bei der möglichst viele Menschen etwas Spannendes bzw. Unerwartetes tun. Und zwar so, dass möglichst viele andere Menschen etwas davon mitkriegen. Ein Flashmob, den man nicht sieht, ist vieles, aber KEIN Flashmob. Den Begriff einfach mal zu verwenden, weil er hip ist, und von den Medien gern aufgegriffen wird, ist meiner Meinung nach eine Mogelpackung.

2. Die Aktion vermittelt das Bild, dass ein Kauf in einer unabhängigen Buchhandlung etwas Ungewöhnliches ist, das extra zelebriert werden sollte. Und das finde ich grundlegend falsch. Man kann gerne vermitteln, dass die unabhängigen Buchhandlungen gestärkt werden sollten [wobei die Einstellung an sich auch eine Diskussion Wert ist, wie dieser interessante Artikel von myeahnecke zeigt], aber so zu tun, als wäre ein Kauf – an sich das Normalste auf der Welt – ein Unikum, vermittelt den Eindruck, als wären die Indie-Buchhandlungen am Aussterben und alles kurz vor Ende. Und das ist – trotz verschärfter Marktsituation in den letzten Jahren – einfach nicht der Fall.

8.12.: Die Sonntagsfrage an die beiden Nachwuchssprecherinnen

Auf die Frage, ob Nachwuchskräfte in der Buchbranche keinen Mindestlohn verdienen, geben unsere Nachwuchssprecherinnen Antwort. Zuerst betonen sie die Wichtigkeit einer fairen Bezahlung:

Da Auszubildende und Praktikanten in vielen Fällen eine vergleichbare Arbeitsleistung wie andere Arbeitnehmer bringen, finden wir es nur fair, auch für sie einen Mindestlohn zu fordern. Außerdem sollte es in jedem Fall auch möglich sein, von der Vergütung einigermaßen zu leben, ohne finanzielle Unterstützung von Dritten.

Aber dann, kurz vor Ende, kommt die Kehrtwendung:

Steigende Gehälter bringen steigende Kosten mit sich. Schon heute sind viele Unternehmen nicht mehr ohne weiteres bereit, auszubilden oder Praktikumsplätze anzubieten. Wir befürchten darum, dass die Bereitschaft Nachwuchskräften eine faire Chance für den Berufseinstieg zu bieten, mit einem Mindestlohn noch weiter sinkt.

Ich möchte keinesfalls abstreiten, dass Arbeitnehmer ein Kostenfaktor für ein Unternehmen sind. Aber – betriebswirtschaftlich gesprochen – kann man sich einen weiteren Arbeitnehmer entweder leisten oder nicht. Und wenn man ihn sich gern leisten würde, aber eigentlich nicht leisten kann, und daher jemanden zu einem Ausbeuter-Gehalt einstellt, läuft etwas falsch. Wenn eine angemessene Form der Weiterbeschäftigung geplant ist, verhält es sich wieder anders, aber standardmäßig einen schlecht bezahlten Volontär einzustellen, weil man es sich anders nicht leisten kann, zeugt von grenzenloser Geringschätzung des Volontärs und/oder wirtschaftlichem Unvermögen. Insofern, liebe Nachwuchssprecherinnen, lasst euch bitte nicht zu sehr einlullen vom Ausweichmanöver vieler Arbeitgeber. Es ist gut und wichtig, dass ihr hier das Gespräch sucht, aber bitte nicht auf Kosten eurer Position.

Den ganzen Dezember über: Amazon

Wenn ich mit Leuten anderer Branchen spreche, werde ich gern nach meiner „Expertenmeinung“ zu bestimmten Themen gefragt. Und hier konnte ich prompt eine Veränderung feststellen: Amazon hat sich vor die E-Books und den Untergang des Abendlandes gedrängt.

Die Diskussion wurde auch in der heute-Show satirisch aufgegriffen:

Fehlt was Wichtiges? Und wie habt Ihr die angesprochenen Themen empfunden?

Ein Adventskalender über Liebe zu Büchern und E-Books, Leid mit Büchern und E-Books …

Ein ganzer Adventskalender – wir sind stolz, dass wir ihn zusammengebracht haben, und möchten die Gelegenheit nutzen, allen Autoren herzlich zu danken! Über eure Teilnahme, Wünsche und Ideen, die vielfältiger nicht sein könnten, haben wir uns sehr gefreut!

Hier gibt’s alle Beiträge nochmal im Überblick:

Wer übrigens mal die Themafrage gesucht hat, bekommt sie hier jetzt nachgeliefert: „Weihnachtszeit, Wünschezeit … wir wünschen uns je nach Couleur frohe, besinnliche, erholsame Festtage, eine ruhige, angenehme, schöne Zeit im Kreise unserer Familie und – natürlich – einen guten Rutsch ins neue Jahr. Wir möchten mit unserem Adventskalender den Fokus erweitern und weg vom rein Persönlichen gehen – unter dem Aspekt, dass Weihnachten bzw. der Jahreswechsel immer auch eine Zäsur darstellen und jetzt der richtige Zeitpunkt für einen Neuanfang ist.

Wenn du beim Weihnachtsmann/Christkind einen Wunsch bezüglich der Buchbranche hättest, wie würde der lauten?“

In diesem Sinne: Freuen wir uns auf 2014!

Ich will mehr Bücher mit Mäusen und anderen Leckereien [Adventskalender]

Ich hatte ja gehofft, dass Luise diesen Beitrag für mich schreibt. Die hat mehr mit der Branche zu tun als ich.
Aber sie hat gesagt, sie hat letztes Jahr schon was geschrieben und will die Leute nicht langweilen. Außerdem hat sie keine Zeit, hat sie gesagt. Und wenn ich Dennis verspreche, etwas zu schreiben, dann müsse ich das auch halten. Hat sie gesagt.
Sie redet viel, wenn der Tag lang ist. Und ist eigentlich auch nie so richtig an meiner Meinung zum Branchengeschehen interessiert. Vielleicht kann ich ja mit Dennis in Köln ’ne WG gründen.

Wenn ich mir etwas vom Buchbranchen-Christkind wünschen darf, dann wäre ich für geschmackvollere Bücher.
Wildragout, Kaninchenleber, Pecorino. So in diese Richtung. Das ist ja schließlich grad DAS Thema, um die Digitalisierung zu überleben: Adressatengerecht veredelte Papierbücher! Oder?
Ich bin jedenfalls voll dafür.
Natürlich sind auch die klassischen Geschmacksrichtungen okay. Es gibt Tage, da ist so ein leichtes, sommerfrisches Dünndruckpapierchen genau das Richtige und an anderen muss es was deftiges sein. So’n schöner Nackenbeißer auf grobem Papier.
Aber gibt’s da nicht noch mehr?
Wie gesagt, mir schwebt etwas vor wie Wildschweinsalami, oder Rauchschinken.

Alle Welt spricht immer von Cat Content, aber mal im Ernst: Ich habe ihn bis jetzt nicht gefunden. Luise hat mir mal was zu lesen mitgebracht: Von Mäusen und Menschen. Von wegen, Mäuse! Es ging letztendlich doch wieder nur um Menschen. Sterbenslangweilige Schote. Und sehr fad im Abgang.

Also, liebes Christkind: Bücher mit Inhalten für uns, nicht für Euch!
Irgendjemand bei Euch muss doch wissen, was uns schmeckt. Und übrigens- nur, weil wir etwas gern essen, möchten wir es nicht ausschliesslich goutieren.
Ihr esst ja auch nicht jeden Tag das Gleiche.

Dieser Cat-Content stammt von Indiana Jones, Kater in Osnabrück. „Indy“ teilt seinen Lebensraum großzügig mit Luise Schitteck, ehemalige Buchhändlerin und nun bei readbox für Marketing und Vertrieb zuständig. Kontakt über sein Frauchen: Twitter, Facebook, Blog.

Einfach nur ein gutes Buch [Adventskalender]

Ich weiß nicht, warum ich zu einem Artikel für diesen Adventskalender aufgefordert wurde. Ich bin 69 Jahre alt, lese gelegentlich ein Buch, aber habe mit Internet und diesen ganzen technischen Entwicklungen nicht viel am Hut. Einmal hatte ich einen E-Book-Reader. Allerdings bin ich an der technischen Bedienung gescheitert, so dass ich nach wie vor gedruckte Bücher lese.

Was ich mir also von gedruckten Büchern und demzufolge auch Buchläden wünsche, ist, dass es gute Bücher zu kaufen gibt – die ich meinen Freundinnen mitbringen oder vielleicht einem Verehrer schenken kann. Ich verlange keine großen Dichter wie Schiller oder Goethe, sondern einfach einen gut geschriebenen Roman. Einen ohne explizite Szenen. Als ich das letzte Mal in einer Buchhandlung war, wurde ich am Eingang geradewegs von einem Bücherstapel voller Erotikbücher erschlagen. Nennen Sie mich gern altmodisch, aber das ist einfach nichts, das ich meinen Freundinnen schenken möchte. Und erst recht nicht Eduard … verzeihen Sie, ich schweife ab.

GrandmotherVor ein paar Wochen hatte Charlotte, eine gute Freundin von mir, Geburtstag. Charlotte ist eine Frau, die gerne kocht und bäckt und am liebsten Familie und Freunde ausgiebig verwöhnt. Da sie auch gerne liest, wollte ich ihr einen schönen Roman zum Schmökern schenken, gern mit einer romantischen Geschichte – Frauen unseres Alters sind meist ein wenig romantisch, wie Sie vielleicht wissen. Aber: Alle Liebesromane, die ich in die Hand nahm, handelten entweder von jungen, dummen Hühnern oder waren bereits im Klappentext zweideutig formuliert. So etwas konnte ich Charlotte doch nicht schenken! Ich habe dann einen Krimi gewählt, da ich bei diesem eher das Gefühl hatte, dass er keine schmierigen Szenen enthält.

Ich wünsche mir, dass es 2014 wieder mehr Bücher gibt, mit denen ich meinen Lieben (und gelegentlich auch mir selbst) eine Freude machen kann.

Martha ist die Hauptfigur des legendären Groschenromans „Heiße Liebe bei 70°“, der irgendwann in den nächsten fünf Jahren hoffentlich zu Ende geschrieben und dann als Welterfolg veröffentlicht wird. Martha ist eine ältere Dame, die von ihrem Ehemann sitzengelassen wurde und jetzt bei einem Sauna-Besuch einen neuen Mann – Eduard – kennenlernt. Ihr dürft gespannt sein!

Schenkt keine unerwünschten Bücher! [Adventskalender]

Als ich damals meine Ausbildung im Buchhandel begann, stand für mich im Vordergrund: Ich liebe Bücher. Bücher haben mir schon immer mehr gegeben als andere Medien – und heute verdiene ich meinen Lebensunterhalt damit, sie zu verkaufen. Oder besser: Ich verdiente bislang mein Leben mit dem Verkauf von Büchern. Denn leider kann man davon nicht mehr leben.

Nun könnte ich lamentieren, dass uns große Filialisten und branchenfremde Online-Riesen das Geschäft ruinieren- Dass eine Unterhaltungs-Ökonomie an die Stelle der Buchkultur gesetzt wird und dass wir, wie ein Verfechter digitaler Medien einmal sagte, mit Spiele-Apps um die Aufmerksamkeit der Menschen konkurrieren.

Ich könnte lamentieren, dass Bücher heute nicht mehr mit der gleichen Sorgfalt wie früher produziert werden, dass es immer mehr Massenware gibt – und für diese Waren keine Massen. Siehe oben. Kurz: Dass das nicht mehr meine Buchbranche ist.

Aber darüber rege ich mich gar nicht auf. Ich rege mich allgemein nicht mehr auf, vielleicht ist das einer der Vorzüge des (oder der) in Ehren Ergrauten.

Doch auch, wenn ich mich nicht aufrege, stört mich eine Sache: Ich kann damit leben, dass weniger Bücher gekauft werden und mehr Zeit und Geld anderen Medien zufließt. Aber ich kann nicht damit leben, was jedes Jahr zu Weihnachten geschieht. Menschen kaufen Bücher, die niemand haben will, um sie Leuten zu schenken, die sie erst recht nicht haben wollen. Oder: Leute bekommen Bücher geschenkt, die sie nicht zu würdigen wissen; vielleicht wirklich gute Bücher.

Meine Nichte (17) bekam zu ihrem Geburtstag im Oktober einen Band von Hermann Hesse, der noch heute eingeschweißt im Regal steht, wie ich feststellte, als ich Plätzchen vorbei brachte. (Die Plätzchen erfreuten sich übrigens größter Beliebtheit.) Das ärgert mich nicht so sehr, weil der Band von mir stammte und ich ihn sehr passend zu ihrem aktuellen Liebeskummer fand. Es ärgert mich, weil dem Buch als Medium so wenig Vertrauen entgegen gebracht wird: Wäre es eine Film-DVD gewesen, hätte sie den Inhalt sicherlich angesehen. Ein Buch dagegen verspricht, öde, schwerfällig und zu lang zu sein.

Kelvin Kay @ Wikimedia Commons

Daher wünsche ich mir drei Dinge:

  1. Verschenken Sie nur Bücher, von denen Sie sicher sind, dass sie dem Beschenkten gefallen könnten. Lassen Sie sich dabei gerne von Ihrem Buchhändler beraten – dafür ist er da. Verschenken Sie keine Bücher aus Verlegenheit; dann schenken Sie lieber Blumen, Pralinen oder andere sinnliche Freunde, die nicht in Regalen verstauben.
  2. Sagen Sie denjenigen, die Sie beschenkt haben, was mit ihren Geschenken passiert ist. Wenn das billige Taschenbuch ungelesen auf dem Speicher gelandet ist, sagen Sie das. Und dann geben Sie dem Schenkenden 1. zu lesen.
  3. Sorgen Sie mit Hilfe von 1. und 2. und auch ansonsten nach Kräften dafür, dass dem Buch ein besserer Ruf anhaftet. Das Buch hat es nicht verdient, als öde zu gelten. Nichts wäre falscher.

Und nun genug lamentiert: Fröhliche Weihnachten!

Andrea Reifenpass, 53, arbeitet in einer kleinen Buchhandlung in der Nähe von Bielefeld ohne Social Media- oder sonstigem Online-Auftritt.

Mehr Frust als Lust? [Adventskalender]

Ich bin frustriert. Ich versuche, ein guter Mensch zu sein und moralisch richtig zu handeln, aber bei meiner Buchbeschaffung fällt mir das im Moment schwerer denn je.

Unendliche Weihnachtsgeschichte 1: Letztens habe ich Bücher und einen Kalender bestellt. Da ich nicht über die Firma, die ihre Mitarbeiter ausbeutet, bestellen wollte, habe ich mir eine kleine unabhängige Buchhandlung bei mir in der Nähe ausgesucht und über deren Online-Shop die Einkäufe an meine Adresse bestellt. So weit, so gut – nur: als es Probleme mit DHL gab, hat sich außer mir niemand auch nur ansatzweise dafür zuständig gefühlt. Weder DHL noch die Buchhandlung, weil das System ja über ihren Zwischenbuchhändler läuft. Im Endeffekt habe ich meine Einkäufe zwar bekommen, hatte aber mindestens drei graue Haare mehr.

Unendliche Weihnachtsgeschichte 2: Da ich ja wirklich gern lese, habe ich mir ein weiteres Buch ausgeguckt, das ich gern haben wollte – dieses Mal war das Problem, dass es ein Erotikroman war und die Chancen, ihn in einer Buchhandlung zu finden, damit sowieso gegen Null gingen. Daher wollte ich ihn – wieder mit einem Kalender – bestellen, diesmal aber IN die Buchhandlung direkt. Gesagt, getan, unabhängige Buchhandlung angerufen (eine andere als beim vorigen Mal). Erster Anruf: Niemand nimmt ab. Zweiter Anruf: Niemand nimmt ab. Dritter Anruf: Ich werde in die Kalenderabteilung weiterverbunden und nach drei Minuten in der Warteschleife rausgeschmissen. Das Ende vom Lied: Ich habe das E-Book über die Verlagshomepage heruntergeladen, wo ich – das verstehe, wer will – unbedingt auch meine Postadresse für die Rechnung eingeben sollte. Aber ansonsten hat dieser Bestellvorgang geklappt und mich alles in allem nur ein graues Haar gekostet, weil ich irgendwie schon resigniert hatte.

Foto eines Geschenks
photo credit: katie-landry via photopin cc

Lieber Weihnachtsmann, für nächstes Jahr wünsche ich mir, dass ich auch in stressigen Phasen wie der Weihnachtszeit unkompliziert meine Bücher kriege! Und dass ich mir damit nicht vorkomme, als suchte ich den Goldtopf am Ende des Regenbogens …

P.S.: Den Kalender habe ich übrigens immer noch nicht. Ich denke darüber nach, mir kurz vor Silvester irgendeinen reduzierten zu kaufen.

Die frustrierte Kundin ist Dennis und Hanna bekannt. Sie möchte ihren Namen hier nicht lesen, weil sie sich ohne gute Ratschläge von ihrem traumatisierenden Weihnachtserfahrungen erholen möchte.

Offene Ohren und Herzen [Adventskalender]

Das vergangene Buch-Jahr war für mich viel ermutigender, als ich das vor zwölf Monaten gedacht hätte. Spätestens seit der Buchmesse habe ich das Gefühl, dass die Branche angekommen ist in Digitalien. Es hat sich herumgesprochen, dass E-Books nicht der Untergang des Abendlands sind, und die meisten Verlage sind bereit und mutig genug, neue Wege zu gehen. Das heißt aber auch, dass die Zeit des Aufbruchs, der Visionen, des eifrigen Bekehrens vorbei ist. Jetzt kommt die eigentliche Arbeit und damit wohl auch die Ernüchterung.

Silke HartmannIch war in diesem Jahr auf einigen spannenden Konferenzen und Veranstaltungen, bei denen es in irgendeiner Form um die Zukunft des Publizierens und der Buchbranche ging. Es war schön zu erleben, dass die grundsätzlichen Fragen vorerst geklärt zu sein scheinen, neue Projekte umgesetzt werden und weiterhin gute Ideen entstehen. Alle Veranstaltungen waren eigentlich ermutigend – und doch fehlte mir Dynamik und Inspiration. Von ein paar Key Notes abgesehen, bleiben wir viel zu oft ohne wirklichen Input von außerhalb unserer Wohlfühlgruppe, lassen dadurch Potenzial ungenutzt und drehen uns im Kreis. Wir kochen zu sehr im eigenen Saft und bremsen uns dadurch aus.

Für das neue Jahr wünsche ich mir deshalb für die Branche vom Christkind Offenheit und Neugier aufeinander. Oder weihnachtlicher ausgedrückt: offene Ohren und Herzen. Ich wünsche mir, dass wir über unsere eigenen Branchen- und Denk-Grenzen hinweg miteinander ins Gespräch kommen und dass dabei flammender Amazon-Hass nicht der einzige gemeinsame Nenner bleibt, sondern wir einander zuhören und bereit sind, die Meinung des anderen anzuerkennen und im Idealfall zu berücksichtigen. Ich wünsche mir, dass sich Digitalos und Buchtraditionalisten auf Augenhöhe begegnen, dass Wissenschaftsprofis von Belletristen lernen, Buchhändler von Start Ups inspiriert werden, Verlagis auf Autoren hören, Geschäftsführer mit Praktikanten diskutieren, wir alle über den Tellerrand der Branche hinaus sehen und irgendjemand mal endlich diesen Leser kennen lernt. Auch wenn das alles unbequem und anstrengend werden könnte. Deshalb wünsche ich mir vorsichtshalber auch noch Durchhaltevermögen, Enthusiasmus und ein dickes Fell für jeden von uns. Das werden wir dann wieder gut brauchen können in 2014.

Silke Hartmann arbeitet als Lektorin beim Wissenschaftsverlag Vandenhoeck & Ruprecht. Unerschrocken im Umgang mit Mensch und Technik interessiert sie sich für (fast) alles Digitale und findet es äußerst spannend, mitten in einer Branche im Wandel zu stecken. TwitterBlogFacebookXing.

2014 – Mut zur Fantasie! [Adventskalender]

Mit so einem Wunsch bin ich doch in der Buchbranche eigentlich nicht so verkehrt – schließlich wird hier aus Fantasie etwas Handfestes gemacht. Und gleichzeitig ist es traurig, dass ich unserer Branche das erst wünschen muss, sollte es doch eigentlich selbstverständlich sein. Der Kapitalismus hat sie wohl geschluckt, die Fantasie …

Die Verleger oder Programmleiter sollten sie wieder bekommen. Traut euch mehr Fantasie! Stellt euch den Erfolg eines Buches vor, das mal nicht den 08/15-Richtlinien sogenannter Bestseller entspricht, mal keine Dystopie, keine Erotik, keine großen Namen. Auch der Nachwuchs kann etwas, man muss ihn nur mal machen lassen und ihm eine Chance geben. Die Autoren-Dinosaurier sterben irgendwann aus, wer soll denn dann unsere heißgeliebten Bücher schreiben? Und traut auch den Lesern die notwendige Fantasie für diese Bücher zu. Prima Beispiel: Daniel Kehlmann. Auch wenn er den Deutschen Buchpreis dieses Jahr nicht bekommen hat, ist er ein super (und ich weiß ja, wie wichtig das ist: umsatzstarker) Autor, dem man eine Chance gegeben hat. Ja, seine ersten Bücher waren keine Bestseller, aber es kam ja in Gang. Und heute ist er nicht mehr wegzudenken aus der deutschen Buchszene. Weil da mal ein/e Lektor/in, schließlich ein Programmleiter und am Ende ein Verleger Mut und Fantasie besaßen. Bravo! Mehr davon!

Auch die Personaler brauchen mehr Fantasie! Ein geradliniger Lebenslauf ist Gold wert, das habe ich schon feststellen dürfen. Schon mit dem ersten Praktikum muss man seine spätere Laufbahn festlegen – wie realistisch das doch ist! Wieso darf man nicht mehr rumprobieren und sich ausprobieren? Das Pressepraktikum war’s nicht? Na dann halt was anderes. Die Buchhandlung hat doch nicht so viel Spaß gemacht? Dann halt Verlag! Oh nein! Das ist schon viel zu viel Abwechslung für deutsche Personaler. Man könnte ja Erfahrungen aus verschiedenen Bereichen mitbringen – wer braucht denn so etwas? Entschuldigung, ich werde zynisch. Und das Thema gibt’s ja auch schon. Nur eine Bitte: Liebe Personaler, schaut doch mal über den Tellerrand hinaus, es gibt potenzielle Mitarbeiter, die wertvolle Erfahrungen mitbringen, auch wenn diese nicht im Anforderungsprofil genannt sind. Nur Leute mit Fantasie können Bücher voller Fantasie herstellen.
Und und übrigens: Achtet doch mal bitte auf die Soft Skills derjenigen, die ihr auf die Bewerber loslasst – da ist auch noch einiges zu tun!

John Elsas. Meine Bilder werden immer wilder
Ist man mit Phantasie versehen
so kann man bei mir sehr schönes sehen, 17/7/1930 (John Elsas)

Auch den Buchhandlungen wünsche ich mehr Fantasie. Bestseller, Spitzentitel und Co – ihr habt es bestimmt nicht leicht, die richtigen Bücher für eure Buchhandlung auszusuchen. Ein tolles Marketing ist da ein gutes Hilfsmittel, das ist schon klar. Da können die kleinen Verlage, die nicht mit den Giganten mithalten können, weil sie ca. 5% von deren Marketingbudget haben, leider einpacken. Ich gehe nicht in eine Buchhandlung, um überall nur Stapel von J. K. Rowlings neuem Buch zu sehen, daneben die alt bekannten Krimi-Autoren und alle anderen von der Bestseller-Liste. Nein, ich suche das Außergewöhnliche, die Bücher mit Fantasie (mal ehrlich: die Top-Autoren, die jedes Jahr 2 Bücher auf den Markt werfen – wie viel Fantasie steckt denn da noch drin?), die Bücher, die mich begeistern, anregen, nicht mehr loslassen. Nicht die, die ich lese und wieder vergesse. Liebe Buchhändler, könnt ihr bitte mehr von den fantasievollen Büchern in eure Läden stellen? Die anderen dürfen auch da sein – die garantieren den Umsatz. Aber für die Kunden mit mehr Fantasie bitte auch ein paar von den anderen. Und noch ein Einsatzgebiet für mehr Fantasie: Überlasst die Feld doch nicht komplett Amazon. Schließlich bietet ihr das Gleiche und noch besser. Studien ergeben, dass die Deutschen viel lieber in Buchhandlungen Bücher stöbern als online. Also duckt euch nicht, sondern zeigt, was ihr könnt!

Susann Harring ist freie Lektorin sowie Lektorin für Kinderbücher in einem Münchner Verlag und Leitungsmitglied der Städtegruppe München der Jungen Verlagsmenschen. Wenn sie mal nicht hauptberuflich liest, liest sie als Literaturkritikerin für eine Tageszeitung und für ihren eigenen Blog. Ihre liebsten Bücher sind die, die ihr etwas ganz Neues bieten – die mit Fantasie. Xing, Blog

Brief ans Christkind, Variation über ein Thema [Adventskalender]

Liebes Christkind,

der heilige Augustinus (354–430 n. Chr.) sagte einmal: »Man betet für Wunder, aber arbeitet für Ergebnisse.«

Insofern wünsche ich mir für die Buchbranche eine gemeinsame Online-Plattform, welche die Kräfte aller Beteiligten bündelt und sie dank eines eigenen Kundenzugangs ökonomisch unabhängig von wie auch immer gearteten digitalen Supermächten macht.

Als Nutzer wünsche ich mir eine Plattform, die mir volle Datensouveränität bietet, die mich selbst entscheiden lässt, was von meinen Daten zu welchem Zweck gesammelt, gespeichert und verarbeitet wird – und dass ich meine Daten auch jederzeit wieder löschen kann.

Mit diesem Wunsch bin ich offensichtlich nicht ganz allein, wie beispielsweise die jüngste Initiative »Writers Against Mass Surveillance« zeigt.

Bild einer Krippe
photo credit: Alexander Rabb via photopin cc

Andererseits fürchte ich (siehe Eingangszitat), dass das Wünschen allein nicht helfen wird, da die Zeiten, als das Wünschen noch geholfen hat, längst perdu sind. Auch glaube ich nicht, dass es jemand anderes für uns richten wird. Wenn also eine Veränderung zu Gunsten der Buchbranche stattfinden soll, so kann diese Veränderung nur aus uns selbst, aus der Branche heraus kommen, sprich: wir müssen das Schicksal des Geschäfts mit den Büchern selbst in die Hand nehmen.

Hier ist gleichwohl viel Beistandund nicht zuletzt Durchhaltevermögen gefragt – und darum bitte ich Dich, liebes Christkind: um Beistand und Durchhaltevermögen, denn beides werden wir dringend benötigen auf unserem Weg in die Zukunft des Lesens. Vor allem aber gibt es auf diesem Weg keine Abkürzungen und auch kein Zurück. Wollen wir selbst Teil dieser Zukunft sein, müssen wir da durch, und zwar jetzt. Jeder weitere Tag, den wir im Gestern verharren, schmälert unsere Aussichten auf Erfolg.

Ob man nun den Auszug aus Ägypten, die Trecks der Siedler nach Westen oder die Digitalisierung als Beispiel nimmt, es gibt sinnbildlich nur ein Motto: »Kalifornien oder Tod!«, nur dass Kalifornien heute nicht mehr für das gelobte Land steht, sondern als Synonym der Bedrohung durch die Firmen des Silicon Valley (sofern man Seattle als Sitz von Amazon und Microsoft politisch und geografisch inkorrekt ebenfalls unter »Silicon Valley« subsumieren darf).

Um bei der Wildwest-Metapher zu bleiben: Mit mechanischen Waffen, die noch mit Blei ausschießen, werden wir nicht weit kommen. Auch die Waffen Fotosatz, DTP und CtP sind stumpf geworden. Ohnehin bringen uns Waffen und Gewalt nicht weiter. Wir leben in einem Zeitalter, in dem das Wort regiert.

Jetzt gilt es, als »digital immigrants« neue Sprachen zu erlernen, in Zungen zu sprechen, da nur die Sprache wirkliche Macht über die Dinge verleiht. Damit haben Religion, Programmiersprache und Literatur letztendlich eines gemeinsam: sie schaffen mit Hilfe der Sprache (virtuelle) Welten.

Am Anfang steht immer das Wort; womit wir wieder da wären, wo alles begann.

Es geht um nicht weniger als selbst schöpferisch tätig zu werden und eine virtuelle Welt der Bücher zu schaffen. Ein digitales Buch der Bücher, das alles, was Buch ist, in sich vereint.

Das wünsche (nicht nur) ich mir, liebes Christkind, und darauf arbeitet eine stetig wachsende Zahl von Gleichgesinnten (mit Stallgeruch) hin.

Volker Oppmann, Jahrgang 1975, Anbaugebiet Mainfranken, favorisiert rote Rebsorten, passionierter Leser, Gelegenheitsautor (von Gebrauchsprosa), Verleger von ONKEL & ONKEL, pensionierter Buchhändler bei textunes / Thalia, versucht mit LOG.OS nun Schöpfungsmythos (Johannes-Evangelium) und schöpferische Zerstörung (Schumpeter) miteinander zu kombinieren: www.log-os.info

Ziel von LOG.OS ist der Aufbau einer digitalen Universalbibliothek, die eine direkte Interaktion zwischen Privatpersonen (Autoren und Lesern), Branchenteilnehmern (Buchhandlungen und Verlagen) sowie öffentlichen Institutionen (Schulen, Universitäten und Bibliotheken) über eine gemeinsame technische Infrastruktur ermöglicht.

Oh Gott, jetzt gibt’s Schrott! [Adventskalender]

Foto von Robert MaroschikSehr geehrte Zivilisation, werte Literaturliebhaber, liebe Intellektuelle. Wir stehen vor der kulturellen Katastrophe, die wir so dringend über Jahrhunderte hinweg gesucht haben, zu vermeiden. Es gilt, sich nun einen festen Stand zu sichern, Haltung zu bewahren und durchzustehen, vor allem aber dem entgegen zu stehen, was nun auf uns zukommt. Schuld daran ist niemand geringerer als der Verursacher nahezu jeglichen unsagbaren intellektuellen Bauchwehs der vergangenen zwei Jahrzehnte. Ja, ihr ahnt es schon, es ist das Teufelsding, die Geißel des Ernsthaften, der Moloch des Jedermanns, die Tyrannei der Katzen(-videos): Das Internet. Und – hier sei dies bitte als bewusste Bemerkung notiert – ich bin mir freilich auch der Ironie bewusst, diese Worte gerade im Internet kundzutun.

Doch zum Kern der Sache. Über die Jahre hinweg beherrschten die Buchverlage als Leuchtfeuer des Pfads in die Welt der Intelligenz, was gut war, was schlecht war, was als massentauglich zu gelten hatte und was, salopp, aber treffend formuliert, Schund, nein, besser: schlichtweg Schrott war. Freilich gab es auch hier und da mal die etwas weniger gelungene Publikation, manche davon besorgte man sich sogar lieber klammheimlich am Bahnhofskiosk und schlug sie in einen namenlosen Einband ein, bevor noch irgendjemand die geradezu grotesk bebilderten Buchdeckel mit starken Männerarmen und sanften, hilflosen Damenhänden und wehenden Haaren erspähen konnte; wahlweise auch dasjenige knallpinke mit Pflaster drauf (Kenner wissen, was gemeint ist).

Doch diese Institution ist nun gefallen. Denn das Internet hat es möglich gemacht, nein es uns gerade aufgezwungen, dass jeder Depp zu seinem Ruhm kommt. Und zwar mit einer noch so depperten Geschichte, die er im Eigenverlag als E-Book, kostenlos (der Nachsicht, für den Quatsch nicht irgendjemand noch sein hart verdientes Geld abnehmen zu wollen, gebührt hier durchaus Beifall) oder nicht, jedenfalls aber jedermann zugänglich macht. Geschichten, die in ihrer Abstrusität und Lächerlichkeit kaum noch zu überbieten sind und bei denen man sich unweigerlich fragen muss, ob die Autorin / der Autor sich nicht doch noch einmal auf ein Eins-zu-eins-Gespräch mit einem netten Psychologen ihrer / seiner Wahl verabreden sollte; oder fantasieren Sie etwa klammheimlich, von einem Tyrannosaurus Rex vergewaltigt zu werden? Kein Scherz, diese Bücher über Dino-Sex steigen in der Gunst der E-Book-Leser(innen!)! Vom Phänomen der gefühlten zwölfmilliardenachthundertzweinundsechzig Geschichten über heroisch-dominante Vampir-Jünglinge, die der Twilight-Scheiß, oh pardon, „-Hype“, verursacht hat, ganz zu schweigen.

Die „Werke“ dieser „Künstler“ sind meist kurz, doch kommen sie in immer schneller aufeinanderfolgenden Sequenzen heraus und rauben jedem mündigen Hirnnutzer das letzte Quäntchen Glauben an eine intellektuelle Welt.

Ja, ich weiß. Die ersten von Ihnen wetzen bereits ihre Mistgabel, zünden schon ihre Fackeln an und wollen nur noch schnell das nächste Kapitel von Shades of Grey fertiglesen, bevor Sie mich ausfindig machen und am Baum ihrer hirnlosen Banalstories aufknüpfen wollen. „Kunst liege doch im Auge des Betrachters“, „Kunst kann alles sein“, ja ich weiß: blablabla. Freilich ist sie das, die liebe Kunst. Aber das heißt noch lange nicht, dass ich Lieschen Müllers heimlichen, überaus beunruhigenden Fantasiewust als eben solche betrachten müsse. Denn nur, wer einen Pinsel halten kann – auch im übertragenen Sinne -, ist eben noch kein Künstler. Übrigens – das mit dem Pinsel kann sogar mittlerweile ein indischer Elefant. Sie glauben’s nicht? Schauen Sie nach. Im Internet finden Sie jeden Schrott.

Amen.

Robert Maroschik, Baujahr 1985, ehemals Gründer und Fahrzeugführer des Metal-Radiosenders „Hurricane Rock“, tankt gerade noch unverbleit Jura, während er am Gaspedal seiner eigenen Texteragentur für SEO-Texte und Marketing (www.juicymind.de) in München sitzt.