Nichts Neues: eBooks sind zu teuer!

Im Folgenden My Two Cents zur Preisdebatte, die seit Jahren schwelt. Ganz subjektiv aus meiner „User Experience“ heraus.

Fast alle Umfragen zeigen, dass der häufigste Grund für den Nicht-Kauf von E-Books der hohe Preis der Verlags-E-Books ist, der in der Regel nur 10-20% unter dem der Papierausgabe liegt. (Aus einem hörenswerten Vortrag von Wolfgang Tischer.)

An dieser Erkenntnis – (deutsche) eBooks sind zu teuer – ist nicht zu rütteln. Da mögen Verlage noch so eloquent und fundiert argumentieren, dass etwa die Kosten für Herstellung und Auslieferung beim Produkt Buch nur eine untergeordnete Rolle spielen; dass die wesentlichen Kosten für das Produkt weiter anfallen, von der Autorenakquise bis zur Redaktion; dass die Inhalte ihren Preis wert sind.

Das mag nämlich alles sein – allein, es ändert nichts daran, dass die Produkte zu teuer wirken und der Kunde nicht kauft. Sieht man sich z.B. die ePubli-Preisbestimmungen an, liegt ein aktueller Roman (Printversion 22.-) bei 16,99. Dafür bekomme ich nicht nur über 17 Kindle-eBooks zum Niedrigstpreis von 99 Cent, ich bekomme auch 3-4 Us-Backlist-Titel. Für meine 16,99 kann ich also deutlich mehr Content kriegen – und nach meiner Erfahrung rechtfertigen Aktualität und Qualität nur ganz, ganz selten diesen gewaltigen Preisunterschied. (Und wenn, dann meistens die Aktualität: Man will mitreden können.)

Und leider ist das, was man als eBook erwirbt, nicht wirklich funktional gleichwertig zum guten, alten gedruckten Buch. Ich kann es nicht (komfortabel) verschenken oder nach dem Lesen weiterverkaufen. (Mit Software ist das u.U. legal, siehe das Oracle-Urteil.) Ich kann in Europa keine Kindle-Bücher aus den USA erwerben, ohne Umwege zu wählen oder für den Content (so er denn da verfügbar ist) im deutschen Shop mehr bezahlen.

Die Bezugswege sind unkomfortabel, was sehr häufig (wie auch das Wiederverkaufsproblem) mit dem Alptraum DRM zusammenhängt. Simply: Drop it. Denn mit DRM erwerbe ich kein vollwertiges Produkt, sondern eine verstümmelte Version. Das ist beim 99 Cent-Kindle-Buch okay, denn auf dieser Plattform merke ich nicht einmal viel vom DRM. Und der Preis lässt es mich verschmerzen. Bei 20 Euro fühle ich mich über den Tisch gezogen.

Unkomfortable Bezugsmöglichkeiten, DRM, mangelnde Weitergabe – all das wird sicher nicht zum Erfolg qualitativ hochwertiger, teurer eBooks führen, sondern nur zu Piraterie. Wie auch bei Streaming-Angeboten sind die illegalen Anbieter nämlich deutlich fitter darin, ihren „Kunden“ Komfort und häufig auch Qualität zu bieten als die legalen Portale.

Dabei ginge so viel mehr – wirkliche Globalität, umfangreicher Komfort, unendliche Verfügbarkeit von Content und Regalmetern, Genreunabhängigkeit, von den Marketingvorteilen gar nicht zu sprechen.

Dein eBook liest dich!

For centuries, reading has largely been a solitary and private act, an intimate exchange between the reader and the words on the page. But the rise of digital books has prompted a profound shift in the way we read, transforming the activity into something measurable and quasi-public.

Reading wird digital und social – und bietet damit auch deutlich bessere Tracking- und Analysemöglichkeiten. Damit gibt es eine weitere Feedbackschleife von der Mediennutzung zur Produktpolitik.

Mit diesem Hinweis auf den sehr lesenswerten Artikel „Your eBook is reading you“ beim Wall Street Journal verabschiede ich mich ins Wochenende!

Und immer wieder Überraschungen …

Dank einem Facebook-Hinweis von Alexander Vieß bin ich über ein paar sehr interessante Präsentationen des Börsenvereins gestolpert, die eine ganze Menge neuer Zahlen präsentieren. Anlass der Veröffentlichung war ein Wirtschaftspressegespräch zum Thema „Aufbruch oder Umbruch? Der deutsche Buchmarkt und das E-Book“.

Zurückgegangene Titelproduktion

Im Tabellenkompendium gibt’s erstmal wenig Aufsehenerregendes: Der Anteil des stationären Buchhandels geht leicht zurück, dafür steigt der des Internets. Dito der steigende Umsatz mit Online-Diensten. Gestolpert bin ich dafür über den Rückgang der Titelproduktion: Von ungefähr 84.000 Titeln auf 82.000 – und das auf Kosten der Belletristik. Sehr spannend, auch wenn ich bisher noch keine belastbare Erklärung gefunden habe, warum das so ist.

Weniger Vorbehalte, breiteres Angebot

Die aktuellen Branchendaten zeigen im Groben nochmal dasselbe, nur ein wenig hübscher aufbereitet. Die E-Book-Studie bietet anfangs auch gefühlt wenig Neues: Die Zahl der E-Books und E-Book-Nutzer steigt, und es gibt sowohl auf Produzenten- als auch auf Nutzerseite weniger Vorbehalte. Infolgedessen diversifiziert sich das Angebot auch. Interessant ist die Statistik auf S. 14, nach der die mittleren und die kleineren Buchhandlungen in Sachen E-Book- und E-Reader-Angebot stark aufgeholt haben. Das heißt, dass es bedeutend mehr Angebot an E-Books und E-Readern in Buchhandlungen gibt.

Keine einfachen Abläufe

Hauptgründe gegen die Beteiligung am E-Geschäft sind übrigens zu geringe Nachfrage, zu geringe Gewinn- und Umsatzmargen und (!) zu kompliziertes Handling – insbesondere gegen den letzten Punkt sollte man etwas tun können, daran arbeitet u.a. auch das ProtoTYPE-Projekt M@rtha.

DRM wird weich

Ähnlich spannend ist die Entwicklung, dass im Vergleich zum letzten Jahr mehr Verlage weiches statt hartes DRM nutzen: 64 % weichem DRM (Vorjahr: 41 %) stehen nur noch 50 % hartes DRM (Vorjahr: 63 %) gegenüber (s. S. 24). Es gibt also auch einige Verlage, die verschiedene Arten an Schutzmaßnahmen praktizieren. Dass so viele Verlage ihre Sichtweise zum nutzerfreundlicheren weichen DRM gewandelt haben, erstaunt mich etwas. Eine mögliche Erklärung dieser Entwicklung ist zunehmende Kompetenz und mehr Verständnis für den E-Book-Markt und seine Bedürfnisse.

Animierte Cover?

Wir brauchen mehr Bücher, die nicht als E-Book funktionieren, weil man sie schlichtweg haben will, sich damit bereichern und sein Leben verschönern will.

So ein Zitat aus der aktuellen Buchreport-Umfrage, ob Lesen noch sexy genug ist. Ich frage mich, ob nicht auch ein eBook so gut gemacht sein kann (und denke, dafür gibt es Beispiele), dass es ästhetische Kaufargumente gibt.

Joe Konrath besieht sich in einem martialisch „JA Konrath vs. Stephen King“ betitelten Artikel die Möglichkeit animierter eBook-Cover und nimmt sich naturgemäß zunächst konservative Meinungen zur Sache vor:

Q: Joe, I HATE these covers! I believe book covers should be a single image, like they’ve always been! I’m a purist! I weep for the future of publishing!

A: Technology marches on, regardless of personal taste. Lots of people still resist ebooks (right, Mr. King?)

Ich denke persönlich nicht, dass hier die Zukunft liegt, aber wenn der Content dynamisch wird – wieso nicht auch die Verpackung? Vielleicht ist der Buchtrailer und das Cover der Zukunft ja ein und dasselbe. Just my two cents zum Wochenende!

Smart Publishing und die Zukunft von Verlagsprodukten: Ein eBook und ein Interview

Das immer wieder lesenswerte Blog „smartdigits“ hat eine Sammlung von Artikeln und Einträgen als eBook herausgegeben – kostenlos und für diverse Plattformen zum Download.

Bücher umgibt nach wie vor die Aura des Einzigartigen, des Abgeschlossenen, des von einem Autor, einem Schöpfer geschaffenen Werkes.

Ein eBook bricht diese Grenzen auf.
Es kann sehr schnell produziert werden.
Es kann sehr schnell aktualisiert werden.
Es kann Inhalte anderer Autoren und verwandte Themen schnell integrieren.
Es kann interagieren und sich mit den schon erstellten Dokumenten des Lesers vermengen.
Es kann…

Dieses eBook ist ein Experiment und in der vorliegenden Form nur der erste Schritt. Wir wollen die Möglichkeiten des Mediums austesten und zeigen, dass auch der Weg zurück sinnvoll sein kann. Vom Blog zum Buch.

Die Idee ist so nicht ganz neu – mir fällt spontan ein, dass etwa Joe Konrath seine Bloginhalte als eBook „The Newbies Guide to Publishing“ für Kindle herausgab. Aber das Buch ist lesenswert, soweit ich das bei Position 300/1696 in der .mobi-Version auf dem Kindle beurteilen kann. (Ich frage mich gerade, ob diese Seitenangaben künftig Usus werden.) Einen Werkstattbericht für die Erstellung mit Pressbooks gibt es auch.

Harald Henzler, einer der Blog- und damit auch Buchautoren, ist außerdem bei VdZu im Interview – eine kurze Lektüre, aber gut zusammenfassend: „Crossmediale Strategien im Pressewesen„.

Wie gelingt es, das Image und die Glaubwürdigkeit eines Print-Titels in andere Medien zu
übertragen?

Indem man den Markenkern des Printtitels untersucht und den Grund, warum ihn die Kunden mögen. Und dann versucht, die Bedürfnisse des Kunden über das andere, neue Medium genau zu bedienen.
Gute Printtitel haben den Vorteil, dass sie schon das Vertrauen der Kunden gewonnen haben. Sie strahlen Sicherheit und Verlässlichkeit aus. In der Fülle der Informationen ist das ein hoher Wert. Wenn es gelingt, diese Filterfunktion auch in den digitalen Medien gut zu erfüllen, ist viel gewonnen.

Joe Konrath über Agency Model und Wholesale Model

Joe Konrath rechnet in seinem Blog vor, wie sich die Mathematik zwischen Wholesale und Agency Model unterscheidet, etwa im Preisbereich der eBooks für 9,99:

Under the wholesale model, an ebook that retailed for $9.99 was earning the author $3.12. Under the agency model, an ebook that retails for $9.99 earns the author $1.75.

Do you see now why the wholesale digital model was so much better for authors? Publishers switched to a model (and apparently colluded to do so) in which authors, agents, and publishers all make less money than they made under wholesale–with publishers taking a dramatically bigger slice of the shrunken agency pie.

Wenn alle effektiv weniger Geld verdienen: Wozu das alles? Um den Verkaufspreis zu kontrollieren, meint Konrath.

There are obvious benefits to controlling retail price. Doing so circumvents supply and demand. It also prevents discounting.

Die Diskussion ist in Deutschland aufgrund der Preisbindung natürlich müßig, aber einige der Argumente kann man für eben diese Diskussion aufgreifen. Etwa, dass ein fixer (in den USA ein aufgedruckter) Preis den Händlern und dem Umsatz schadet:

Much of what Amazon does is smart. Not having a printed price on their published books, and not having prices in product descriptions, means Amazon can change prices when needed. They can put things on sale, price-match, and allow retailers to find their own price point depending on supply and demand, location, and market fluctuations. The customer doesn’t ever feel like they’re paying too much.

Eine kurze Slide-Einführung in die Unterschiede zwischen beiden Modellen und die historische Entwicklung findet sich bei macstories:

Buchcamp 2012: DRM – Schutz oder Schaden?

Ich bin wieder bei Mela Eckenfels gelandet, die sich zu Beginn als Piratin outet und Mini-Packungen Gummibärchen verteilt. Die Gummibärchen stehen für Content –  manche sind ohne Schutzmechanismen, einige sind unerreichbar in einer Kerze, andere haben „Wasserzeichen“:

In einem einleitenden Vortrrag erläutert Mela die Nachteile von DRM anhand einiger Thesen, die in der Diskussion erweitert werden:

  • DRM hilft nicht gegen Piraterie – und benachteiligt im Zweifelsfall eher den legalen als den illegalen Konsumenten
  • Auf lange Sicht geht Content, der mit hartem DRM geschützt wird, verloren – etwa wenn DRM-Server abgeschaltet werden
  • DRM schränkt die Usability des Contents ein – teils bis zu dessen Verstümmelung
  • DRM ist aktives Engagement gegen Barrierefreiheit
  • Die Ressourcen, die für DRM und andere Schutzmechanismen ausgegeben werden, wären anderweitig sinnvoller aufgehoben
  • M@rtha ergänzt: hartes DRM (gerade Digital Editions) ist für den Konsumentensupport ein wahrer Alptraum

Und dann geht es natürlich noch um Amazon. Materialie bei diigo.

Fazit: Liebe deinen Kunden!

Charles Stross erklärt Macmillan, warum sie auf DRM verzichten sollten

Charles Stross‘ Amazon-Strategie-Artikel der letzten Woche hat groß die Runde gemacht (u.a. auch hier). Er erklärte darin, dass der Verzicht auf „mandatory DRM“ eine Voraussetzung für Verlage sei, um mit Amazon mithalten zu können.

Feedback (bzw. Rückfragen) kam u.a. von Macmillan. Stross antwortet nun in einem gewohnt ausführlichen Artikel mit vier Thesen, u.a. mit diesen beiden:

3. [R]elaxing the requirement for DRM across some of Macmillans brands will have very positive public relations consequences among certain customer demographics, notably genre readers who buy large numbers of books (and who, while a minority in absolute numbers, are a disproportionate source of support for the midlist).

4. Longer term, removing the requirement for DRM will lower the barrier to entry in ebook retail, allowing smaller retailers (such as Powells) to compete effectively with the current major incumbents. […] This will, in the long term, undermine the leverage the large vendors currently have in negotiating discount terms with publishers while improving the state of midlist sales.

In der ausführlichen Analyse der Thesen behandelt Stross dann die Zielgruppe, die durch den Wegfall von DRM zum besseren oder überhaupt zum Kunden wird: Vielleser („voracious readers“), die sich, wenn sie digital lesen, auch eine Bibliothek aufbauen wollen. Ich habe von Viellesern schon häufig die Äußerung gehört, dass sie Amazon boykottieren, weil das Unternehmen sich einem einheitlichen Standard widersetzt – und fürchten, ihre gekauften Bücher würden irgendwann in der Whispernet-Cloud eingesperrt sein, wenn die Plattform Kindle von Amazon nicht mehr unterstützt wird. Wie reagieren diese Leser dann auf eine zwar unabhängige, aber auch weniger komfortable, teurere Plattform mit geringerer Auswahl, der dasselbe droht?

Auf spezifische Zielgruppen zugeschnittene Plattformen, die das bedenken, könnten laut Stross Marktlücken abdecken, die etwa durch die Unübersichtlichkeit des Kindle Store entstehen:

Amazon’s inclusion of masses of self-published material in the Kindle store has made it impossible for heavy consumers to browse it effectively. Smaller bookstores may be able to gain a strategic edge by curating their content, providing quality control on reviews, and other tactics we can’t predict at this time.

Der Artikel ist Pflichtlektüre für alle, die sich mit Unternehmensstrategien, Digitalisierung, DRM u.ä. auseinandersetzen. Und wie immer sehr unterhaltsam geschrieben.

Charles Stross: "What Amazon's ebook strategy means"

Charles Stross betrachtet in einem Blogbeitrag Amazons eBook-Strategie, wieso sie aufgeht, was daran problematisch ist (Monopole/Monopsone) und warum die großen Verlagshäuser (Stichwort „Big Six„) mit ihrem Beharren auf DRM selbst daran schuld sind:

DRM restrictions would be mandatory on all ebook sales, lest rampant piracy cannibalize their sales of paper books. (This fear is of course an idiotic shibboleth—we’ve had studies since 2000 proving that Napster users back in the bad old days spent more money on CDs than their non-pirate peers.

[…]

By foolishly insisting on DRM, and then selling to Amazon on a wholesale basis, the publishers handed Amazon a monopoly on their customers—and thereby empowered a predatory monopsony.

[…]

And the only viable Plan C, for breaking Amazon’s death-grip on the consumers, is to break DRM.