Miteinander reden! [Adventskalender]

Foto von Johannes Kambylis
Fotograf: Otto Danwerth

„Die Grundlage ist das Fundament der Basis.“ Die schöne und gleich dreifache Tautologie wirkt wie eine wohltuende Bremse im Alltag: sie lässt den Zuhörer innehalten und überlegen, was eigentlich der Unterschied zwischen den Dreien sein mag, die doch das Gleiche meinen? Und ob der Satz auch andersherum funktioniert? Und was soll das?

Seit ich diesen (dem Architekten Le Corbusier zugeschriebenen) Satz zum ersten Mal hörte, warte ich auf die Gelegenheit, ihn in einer Gesprächsrunde anzubringen. Auf die Reaktionen freue ich mich schon! Wahrscheinlich herrscht dann für einen kurzen Moment Stille. Als nächstes würden die Anwesenden den Sprecher durch intensiven Blickkontakt prüfen, ob er den Verstand verloren habe. Und mit diesen beiden Momenten wäre schon das Wichtigste gewonnen: eine kurze Schleife, die uns aus der den Alltag bestimmenden Kausalkette(n) herauskatapultiert – und erst nach einem meditativen Moment wieder einreihen lässt. „I am still confused, but on a higher level!“ ließe sich dann (den Physiker Enrico Fermi zitierend) erfreut ausrufen.

Die Buchbranche handelt mit Texten, die sehr viel länger sind als bloß wenige Worte. Ein Roman wie beispielsweise „Die Liebeshandlung“ von Jeffrey Eugenides besteht aus etwa zweihunderttausend Wörtern. Umso bedeutsamer ist, dass schon ein einziger Satz so viel bewirken kann. Das sagt sehr viel über die unendlichen Möglichkeiten sprachlichen Ausdrucks.

In noch viel größerem Maß gilt dies für gesprochene Sprache, denn sie übermittelt weitaus mehr Informationen als „lediglich“ den Gehalt des Textes. Untersuchungen haben ergeben, dass Tonhöhe, Sprechgeschwindigkeit, Modulation, Pausen, Gestik und Mimik – um nur einige wenige Aspekte von Gesprächssituationen zu nennen – in Einzelfällen deutlich stärker über die Wirkung des Gesprochenen entscheiden als sein Inhalt. Eine sehr erhellende Lektüre zu der Art und Weise, wie Kommunikation funktioniert, liegt in den drei Taschenbüchern „Miteinander reden“ von Friedemann Schulz von Thun und – nicht zu vergessen – in der „Anleitung zum Unglücklichsein“ des legendären Paul Watzlawick.

Wenn ich mir etwas wünschen darf für die Buchbranche: Nach erholsamen Feiertagen im Kreise der Lieben (und nach inspirierender Lektüre!) starten wir ins neue Jahr mit einem frischen Blick für das Wesentliche, schauen unter die Oberfläche und interessieren uns noch etwas mehr für einander und die Motive des Anderen. Mit Missverständnissen können wir dank gewachsener Kenntnisse über die Komplexität zwischenmenschlicher Kommunikation gelassener umgehen und den Wert unseres eigenen Lebens (wie auch das unserer Mitmenschen) noch besser schätzen – weil wir uns über die wirklich wichtigen Dinge austauschen.

„Life is short, Break the rules, Forgive quickly, Kiss slowly, Love truly, Laugh uncontrollably, And never regret anything that made you smile!” sagt Mark Twain und im Film „The Best Exotic Marigold Hotel“ beruhigt ein Junghotelier seine wegen der täglichen Kalamitäten verzweifelnden Gäste mit dem Satz „Am Ende wird alles gut. Und wenn es nicht gut ist, ist es nicht das Ende!”.

Johannes Kambylis [Facebook, Xing] ist in den Wissenschaftsverlagen Meiner und Buske (Philosophie bzw. Sprachen) für Marketing, PR, Rechte und Lizenzen verantwortlich und Vorsitzender des AVP (Arbeitskreis Verlags-Pressesprecherinnen und -Pressesprecher e.V.).

Lasst die eBooks ankommen! [Adventskalender]

Theoretisch sind eBooks inzwischen in der Branche angekommen. Jetzt gilt es, dieser Publikationsform auch in der Praxis den Platz einzuräumen, den sie braucht.

Maximilian Schönherr @ Wikimedia Commons

eBooks sind in den letzten Jahren sukzessive Teil der Branchendiskussion geworden, inzwischen kann man das Thema als „angekommen“ bezeichnen. Wo man sich etliche Jahre auf den Messen noch eher partiell und vor allem visionär mit dem digitalen Lesestoff und den dazugehörigen Lesegeräten beschäftigt hat (obwohl mit ersten eBooks schon lange vorher experimentiert wurde, ich sage nur Perry Rhodan und „Rocket-eBooks“) – ist die Auseinandersetzung inzwischen alltäglich geworden. Zumindest in der Theorie. Bei den kleinen Details des Alltags sieht das aber oft noch anders aus. Dort rutschen eBooks noch täglich „unten durch“. Z.B. beim Anmeldeprozedere für Ausstellungen und Preisverleihungen. Im Anmeldeformular für die Münchner Bücherschau gibt es zwar die Teilgruppe 8, mit der auch eBooks abgedeckt werden, unter 2.2 der Ausstellungsbedingungen heißt es aber gleichzeitig, dass „bei Anmeldung eigener Standeinheiten […] mind. 10 unterschiedliche Titel auszustellen“ sind. Als potentieller Aussteller digitaler Bücher kommt man hier ins Grübeln. Muss man mindestens 10 eBooks auf einem Reader mit dabei haben? Oder muss man mindestens 10 Reader am Stand anbringen, vielleicht mit jeweils nur einem aufgespielten eBook?

Ähnlich sieht es bei den Teilnahmebedingungen vieler Preise aus, der Fokus liegt auf dem „gedruckten“ Wort, wo es doch eigentlich um den Inhalt geht:

„Verlage können sich mit bis zu zwei deutschsprachigen Romanen aus dem jeweils aktuellen oder geplanten Programm um die Auszeichnung bewerben. Es können auch Titel gemeldet werden, die zum Zeitpunkt der Bewerbung noch nicht vorliegen. In diesem Fall wird zunächst das Manuskript eingereicht. Die Bücher müssen nachgereicht werden, sobald sie in gedruckter Form vorliegen.“

heißt es z.B. beim Deutschen Buchpreis. Von digitalen Originalausgaben keine Spur. Muss man eine solche, zumindest um sie einreichen zu können, pro Forma einmal drucken lassen?

Ich will aus solchen Teilnahmebedingungen keinen Boykottversuch von eBooks herauslesen, bewahre. Aber in den schlichten Details liegt offen, dass eBooks im Moment noch häufig lediglich als Zweit- oder Drittverwertung wahrgenommen werden. Nicht anders bei der Wikipedia. Unter den Literaturangaben ist es nicht erwünscht, eBooks anzuführen. Sie seien nicht zitierfähig. Dann doch bitte das gedruckte Buch. (Einmal ganz davon abgesehen, dass es inzwischen gerade im wissenschaftlichen Bereich genügend digitale Publikationen gibt, die technisch zitierfähig sind …).

Fakt ist, dass ein eBook natürlich eine Form der Zweitverwertung sein, aber genauso einen Text als Originalausgabe transportieren kann. Ich wünsche mir, dass eBooks im nächsten Schritt als genau das anerkannt werden: als eigenständige Publikationsform für Originalausgaben. Und wenn sich dieses Verständnis heimlich, still und leise im Kleingedruckten eingenistet hat, dann ist es angekommen, das eBook.

Sabine Hafner ist Geschichtenliebhaberin und arbeitet bei hey! publishing täglich an der Etablierung digitaler Bücher. Facebook, Xing

Mein Wunsch: Ein Jahr der buchhändlerischen Innovationen [Adventskalender]

Foto von René KohlWir Buchhändler handeln mit einem der schönsten und anspruchsvollsten Produkte, die es gibt. Die Erscheinungsformen sind vielfältig, neben den neuen Digitalisaten und den Hörbüchern, die in jüngerer Zeit dazukamen, werden auch im Printbereich von liebevollen Herstellern, innovativen Marketing-Profis und hochspezialisierten Buchdruckern und -bindern die Grenzen der Buchproduktion kontinuierlich weiter gesteckt.

Dabei üben sich die KollegInnen in den Buchverlagen traditionell an der Erweiterung ihrer Spielräume, gehen immer neue Allianzen und Kooperationen mit technischen und konzeptionellen Dienstleistern ein und kooperieren auch miteinander, tauschen ihr Wissen aus und profitieren sicherlich auch von einer höheren Fluktuation seitens der Mitarbeiter und zunehmend auch der „Quereinsteiger“ aus verwandten Medienberufen.

Bedauerlicherweise geht viel Innovationsleistung der Verlage (einschließlich der neuen Unternehmen am Markt) auf dem Weg von der Erfindung und Herstellung in den Buchhandel verloren. Es mangelt nach wie vor auf allen Ebenen an adäquaten Konzepten, Werkzeugen und an der Infrastruktur, um die neuen hochkarätigen Produkte adäquat an die Frau und den Mann zu bringen.

Es fehlt an geeigneten Beschreibungen (Metadaten), an Standards, diese schlank durch die digitalen Kommunikationskanäle zu schicken, an Möglichkeiten seitens der Buchhändler, diese Informationen käufergerecht zur Verfügung zu stellen.

Es fehlt an geeigneter multimedialer Infrastruktur in den Buchhandlungen und Webshops, um die diversen neuen Präsentations- und Empfehlungsmöglichkeiten (Volltextsuchen, Videotrailer, semantische Verschlagwortung, verwandte Titel, digitale Empfehlungen – um ein paar Stichworte zu nennen) effektiv einzusetzen.

Es fehlt an konzeptionellen, technischen und kooperativen Lösungen, um neue Produktarten (etwa Bundles oder den Verkauf digitaler Titel durch physische Repräsentanz im Laden) adäquat anbieten zu können.

Und es fehlt auch im ganz klassischen physischen Geschäft an zeitgemäßen neuen Präsentationstools, etwa Möbeln, Multimediageräten, Beleuchtung, digitalen Displays, um der fortschreitenden Entwicklung der Online-Präsentation etwas entgegenzusetzen.

Mein Wunsch für das nächste Jahr ist ein Wunsch an den Buchhandel: Lassen Sie uns das nächste Jahr zum Jahr der buchhändlerischen Innovationen erklären! Die Verlage haben vorgelegt – jetzt sind wir am Zug.

René Kohl ist gelernter Buchhändler, vertreibt in seiner Online-Buchhandlung Kohlibri gute Bücher in alle Kontinente und denkt auf www.renekohl.com über das Buchhandeln im Zeitalter der Digitalisierung nach. Er ist zu erreichen unter kohl@kohlibri.de, koh@renekohl.com[Facebook] und [Twitter].

Wie lesen Kinder Geschichten über Milchmänner? [Adventskalender]

Seit der ersten PISA-Studie (2000) herrscht in Deutschland ein hohes Bewusstsein für die Notwendigkeit, Kinder, Jugendliche und deren Eltern für das Lesen von Büchern zu begeistern und ihnen den richtigen Umgang mit digitalen Medien zu vermitteln. Bundesweite Kampagnen, in die viel Zeit und Geld investiert werden, schaffen dafür ein breites öffentliches Bewusstsein, bewirken oftmals aber nur zeitweiligen Erfolg. Ob damit tatsächlich die „Lese- und Buchfernen“ erreicht werden und sich nachhaltig begeistern lassen, bleibt ungewiss.

Mehr Chancen verspricht aus unserer Erfahrung daher eine kontinuierliche Zusammenarbeit zwischen lokalem Buchhandel, Bibliotheken und nahe gelegenen Kindertagesstätten und Schulen, zumal in den Bildungseinrichtungen mit Gewissheit auch die „Lese- und Buchfernen“ erreicht werden. Wir erhoffen uns von der Buchbranche daher in der Zukunft langfristige, innovative und nachhaltige Projekte, die auf die lokale und regionale Infrastruktur des Buchhandels und der Bibliotheken zurückgreifen und Hand in Hand mit den örtlichen Bildungseinrichtungen sowie gemeinsam mit Kindern und Jugendlichen erarbeitet werden.

Der Besuch einer Buchhandlung und einer Bibliothek beispielsweise kann in der engen Zusammenarbeit von Pädagoginnen/Pädagogen und Buchhändlerinnen/Buchhändlern zu einem Erlebnis werden, das nicht auf den Besuchstag begrenzt ist, sondern weit darüber hinaus Verknüpfungen schafft und Wirkung entfaltet. Voraussetzung ist, dass alle Beteiligten die Bedürfnisse und Möglichkeiten des jeweils anderen kennen.

Die Klassenlektüre „Ein Pferd namens Milchmann“ findet man auch in der Bibliothek/Buchhandlung. Wo könnte sie wohl stehen? Und warum steht sie dort? Gibt es dazu auch einen Film? Oder ein Hörbuch? Dürfen die Kinder diese Medien ausleihen oder kaufen? Schon wird aus dem Bibliotheks- oder Buchhandlungsbesuch eine erlebnisreiche und aktive Führung, die sich in den Kontext der Schullektüre einbettet und deutlich länger in Erinnerung bleibt – die Bibliothekarin/der Bibliothekar bzw. die Buchhändlerin/der Buchhändler muss jedoch um diesen Anknüpfungspunkt wissen, wie auch die pädagogische Fachkraft wissen muss, auf welche Fragen sie mit den Kindern zusammen mit der oder dem Buchexperten eine Antwort suchen kann.

Diese Idee ist sicherlich nicht neu und wird gewiss auch schon so praktiziert, doch dürfte dies bisher noch die Ausnahme sein. Denn ein solcher Besuch muss sowohl seitens der pädagogischen Fachkräfte als auch seitens der Buchhandlungen und Bibliotheken sorgfältig vorbereitet werden. Dazu fehlen bis heute entsprechend aufbereitete Materialien und der konkrete Austausch untereinander. Wir wünschen uns daher von der Buchbranche ein stärkeres Zugehen auf die lokalen und regionalen Bildungseinrichtungen und – das darf man an dieser Stelle natürlich nicht vergessen: auch andersherum die Bereitschaft der Bildungsinstitutionen, bei der Lese- und Medienförderung enger mit der Buchbranche vor Ort zusammenzuarbeiten. Gemeinsam und für die Bedingungen vor Ort maßgeschneidert können so lokale und regionale Lese- und Medienförderung erfolgreich verankert und die Kinder und jungen Leute für das Abenteuer Buch und Medien nachhaltig begeistert werden.

Normann Stricker engagiert sich bereits seit seinem Studium zusammen mit Stefan Salamonsberger mit der Initiative „Abenteuer Buch“ für die Lese- und Medienförderung und kann inzwischen auf über ein halbes Jahrzehnt Erfahrung mit Kinder- und Jugendprojekten rund um das Medium Buch und dem Thema (Vor-)Lesen zurückblicken, u.a. als Projektmanager bei der Stiftung Lesen. Ab 2014 wird er zusammen mit Stefan Salamonsberger und einem Team von Experten freiberuflich Projektberatung, -konzeption und -management für die Buch-, Medien- und Bildungsbranche anbieten. Zu erreichen ist das Team schon jetzt per Mail unter mail[at]abenteuerbuch.com, über Xing unter normann.stricker oder über Facebook.

Schützt die Artenvielfalt! [Adventskalender]

Vom Christkind wünsche ich mir für die Buchbranche, dass es ihr auch in Zukunft gelingt, ihre einzigartige Vielfältigkeit zu bewahren. Denn so sehr die Kinderaugen beim Anblick des neuen Fahrrads unterm Weihnachtsbaum leuchten, spätestens ab dem fünften Rad, das aus dem Geschenkpapier gepellt wird, ist die Freude nicht mehr ganz so groß. Gleiches trifft auf Bücher zu: die immer gleichen Autoren, die immer gleichen Schreibstile, die immer gleichen Themen – kurz, der hundertste Vampirroman – wären öde. Eine solche Langeweile zu verhindern, ist nur möglich, wenn es neben etablierten und Konzernverlagen auch Independents gibt, welche nicht die großen Namen verlegen, sondern Nachwuchsschriftstellern eine Chance bieten. Oder wenn Verlage nicht nur Titel zu aktuellen und leicht verkäuflichen Themen verlegen, sondern sich stattdessen oder zusätzlich Nischenthemen widmen – von der Vogelfederbestimmung bis zur Lyrik des Spätmittelalters. Diese Vielfalt lässt sich aber nur gewährleisten, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Dazu gehört ein kompetenter und engagierter Buchhandel ebenso wie ein gerechtes und zukunftsfähiges Urheberrecht, der Fortbestand des verminderten Mehrwertsteuersatzes und der Buchpreisbindung.

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Dominique Conrad wünscht sich viel – vor allem Vielfalt

Aber der Wunsch nach einer vielfältigen Buchbranche erschöpft sich nicht in der Anzahl oder Unterschiedlichkeit der Inhalte. Viel mehr bedingt die Vielfältigkeit der Inhalte ebenfalls eine Vielzahl von Formaten, in denen sie dargestellt werden. Schließlich bekommt Opa zu Weihnachten andere Geschenke als seine 14-jährige Enkelin, weil er andere Interessen und Bedürfnisse hat. So werden diejenigen, die das Buch als Objekt schätzen, eher zu einer illustrierten Lederausgabe mit Goldschnitt greifen, während Studenten ihre Fachliteratur lieber auf einem E-Book-Reader lesen. Ganz klar ist auch, dass die Verpackung für das Fahrrad anders beschaffen sein muss als die für Opas Cognacflasche. Einen Kunstband auf dem Smartphone anzusehen, ist kein Vergnügen. Umso praktischer ist jedoch der Reiseführer als E-Book oder App. Für jedes Buch gibt es das passende Format und für manche Bücher sogar mehrere.

Also fort mit den entweder-oder-Argumenten. Vielfältig ist eine Bereicherung, unterm Weihnachtsbaum ebenso wie für die Buchbranche.

Dominique Conrad ist Redaktions- und Lektoratsmitarbeiterin, findet Social Media und die Digitalisierung spannend, liest aber gedruckte Bücher.
Twitter, XING 

Frau Mi wünscht sich ein Pony [Adventskalender]

Liebes Christkind,
ich wünsche mir zu Weihnachten…
TJA! Was kommt jetzt, fragste Dich.
Friede auf Erden? Ein Pony? Ein iPad? Oder am Ende sogar noch ein BUCH AUS PAPIER?

Mal ehrlich: Ist es so außergewöhnlich, sich das heute zu wünschen? Bücher sind offensichtlich immer noch beliebt. Es gibt schließlich nicht umsonst Seitenumblättergeräusch-Apps oder Parfums mit Bücherduft. In Wirklichkeit stehen die Menschen nämlich auf Retro-Zeug. Sieht man ja auch daran, dass alles wieder kommt. Schlaghosen, Schallplatten, und Twix heißt plötzlich wieder Raider.
In meinem Herzen bin ich eine „analoge“ Buchhändlerin und werde es immer bleiben. Da gab es Weihnachtsgeschäfte – gerade mal vier Jahre her – in denen der Teppich unserer Buchhandlung nicht mehr zu sehen war. So viele Kunden strömten herein, kauften und kauften… im Elektrofachgeschäft gegenüber herrschte längst gähnende Leere, da standen sie bei uns noch Schlange an der Kasse und ließen sich Bücher als Geschenk verpacken.

Natürlich fragten die Leute zunehmend nach eReadern und wie das „funktioniert mit diesem eBooks online kaufen und runterladen“. Große Erfahrung hatten wir damals noch nicht, aber wir waren interessiert und haben gerne dazugelernt, um unsere Kunden kompetent beraten zu können. An einigen Kollegen ist das „kleine e“ sofort hängen geblieben. An anderen nicht. Ich gehörte wohl zur zweiten Gruppe.

Und obwohl ich mittlerweile im Vertrieb eines Fachbuchverlags tätig bin, steht für mich immer noch das gedruckte Buch im Mittelpunkt.

Aber stell Dir vor, Christkind: Ich wünsche mir kein Buch. Denn Bücher gehörten schon immer zu den Dingen, die ich nicht geschenkt haben, sondern mir selbst kaufen möchte.

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Frau Mi mag Bücher.

Ich wünsche mir, dass im Zeitalter des Web… ähm, des wievielten mittlerweile? Web 5.0? Also, dass Print und e trotz fortschreitender Digitalisierung noch ein paar Jahre friedlich weiter nebeneinander existieren können und dürfen, und dass es noch ein ganzes Weilchen dauert, bis A****n die Weltherrschaft übernommen hat.

Damit wir alle noch einen Grund haben, unsere Augen von Bildschirmen und Displays abzuwenden, uns in dieses „Draußen“ aufzumachen, eine echte Buchhandlung von innen zu sehen, echten Bücherduft zu schnuppern.

eBooks gehören längst zum Alltag. Doch bringt so ein wohlbestücktes Bücherregal nicht auch ein Quäntchen Behaglichkeit in unser Zuhause?
Da fällt mir ein, ich bräuchte dringend ein neues Bücherregal, die anderen sind alle voll. Kannst Du das bitte noch mit erledigen, Christkind? Danke!

Und außerdem wünsche ich mir: EIN PONY!!!!!

Deine Frau Mi

Frau Mi ist Hobbyprokrastinant, equiphil. Trägt manchmal Katzenohren.
Papiermögender Verlagsmensch, trotzdem auch ab und zu in digitalen Welten
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Bücherschau ohne E-Bücher. Oder: Was sich in München literarisch gerade so tut

Am Samstag war ich mit zwei Freunden auf der Münchner Bücherschau – die Eröffnung hatte ich leider verpasst. Ich war zum ersten Mal dort, hatte keine Ahnung, was mich genau erwarten würde, und war angenehm überrascht: Viele verschiedene Bücher in einer Umgebung, die wirklich dazu einlud, sich hinzusetzen und in Ruhe zu stöbern. Noch schöner fand ich, dass das (kostenlose) Angebot angenommen wurde und man nicht nur auf das klassische Bildungsbürgertum, sondern ein relativ gemischstes Publikum stieß.

Was fehlt? Natürlich die E-Books!

Abbildung einer Postkarte mit Bücherwünschen
Postkarte für Bücherwünsche

Aber natürlich konnte man auch hier früher oder später einen nicht allzu unerwarteten Wermutstropfen finden: Von E-Books keine Spur. Überall waren praktische Postkarten und Stifte, auf die man Bücherwünsche schreiben konnte, aber auf diesen war lediglich der Verweis auf (physische) Buchhandlungen zu finden. Das heißt, dass man zwar dazu angehalten wurde, seine Buchwünsche zu notieren, allerdings wurde man anschließend zu einer „realen“ Buchhandlung gelotst – etwaige Hinweise auf Online-Shops oder Online-Filialen von Händlern gab es nicht. Eine Spur in Richtung E-Books gab es lediglich in Form eines Sony-Readers im Eingangsbereich. Und natürlich kann man argumentieren, dass die Uhren in Bayern etwas langsamer laufen und hier halt alles etwas länger dauert, aber ich frage mich, wie lange diese Verleugnungsphase noch anhalten wird. Da die Veranstaltung vom Bayerischen Landesverband des Börsenvereins ausgerichtet wurde, finde ich das besonders kritisch – natürlich hat er in diesem Fall nur begrenzte Möglichkeiten der Gestaltung, da sich die Unternehmen selbst anmelden und um ihren Auftritt kümmern, aber vielleicht hätte bereits ein wenig gezielte Werbung in Richtung E-Book-Verlage etwas geändert.

Netzwerken in München

Ich möchte die Gelegenheit eines Artikels mit Lokalbezug außerdem zu einer kurzen Werbeeinblendung nutzen und auf die neu konstituierte Junge Verlagsmenschen Gruppe in München hinweisen. Da ich im Orgateam bin, würde ich mich freuen, wenn unsere nächsten Veranstaltungen (Weihnachtsfeier, Exkursionen, Diskussionsrunden …) alle überfüllt sind. Wer Interesse hat, kann sich hier unverbindlich für den Newsletter eintragen: https://jungeverlagsmenschen.de/ort/muenchen

Du willst was mit Büchern machen? Gute Nacht!

Es gibt schönere Dinge auf dieser Welt, als einen Job in der Buchbranche zu finden. Für die, die es trotzdem versuchen wollen: Dennis und ich fühlen uns gerade weise genug, ein paar Erfahrungen aus unseren letzten Such-Phasen weiterzugeben.

Life comes first

  • Sich nicht über Arbeit definieren und Kontakt zu Freunden halten: Ein wichtiger Tipp, den mir ein Freund ehrenhafterweise schon frühzeitig gegeben hat. Wenn man sich über einen Job definiert – und irgendwie tun das die meisten von uns -, fällt in einer Such-Phase ein relevanter Pfeiler des Selbstwertgefühls weg. In der Folge ist man deprimiert und zieht sich sozial zurück. Genau das darf aber nicht passieren. Man muss sich vor Augen halten, dass jeder Mensch mehr wert ist als sein Job – viel mehr! Und gerade in schwierigen Zeiten ist es wichtig, intensiven Kontakt mit seinen Freunden zu halten, weil die einen nämlich wieder daran erinnern. (Hanna)
  • Don’t stand alone: Das gilt nicht nur im Falle einer Zombie-Apokalypse, sondern eigentlich in jeder Krise. (Eigentlich-eigentlich immer.) Dabei ist es wichtig, sich nicht von den Erfolgsgeschichten von Leuten verunsichern zu lassen, deren Lebenslauf glatter, deren Auslanderfahrungen ausgedehnter und deren familiärer Hintergrund elitärer ist. (Ja, richtig geraten: In all diesen Punkten bin ich eine Niete.) Die leben nicht euer Leben, sondern ihres. Die krummsten Biographien haben zu den spannendsten Ergebnissen geführt. Einfach weitermachen! (Dennis)
  • Mit skurrilen Tipps umgehen lernen: Das ist einer der tückischeren Punkte, weil er etwas schleichend kommt. In den ersten Wochen geht jeder davon aus, dass man schon bald (wieder) einen Job haben wird. Und irgendwann hat’s immer noch nicht geklappt und dann wird die Familie/der Partner/der BWLer-Freund nervös und gibt eifrig Tipps – die bisweilen komplett an der Realität vorbeigehen. Was total nett gemeint ist, aber überhaupt nichts bringt. In solchen Fällen hilft es, tief durchzuatmen und sich sachlich zu verhalten. Und alle größeren Veränderungen vorsichtshalber mit den Freunden abklären, die die Lage halbwegs klar sehen. (Hanna)
  • Nicht jede Stelle annehmen: Ein Job ist ein Job ist ein Job. Das heißt, man macht ihn vorrangig aus einem Grund: Man verdient Geld. Jetzt bitte kein Kapitalismus-Bashing, ich bin selbst niemand, der einen 60-Stunden-80-Mille-Job machen will. Die Hälfte reicht mir vollkommen. (Ja, von beidem – das wäre toll.) Ein Job muss sich auch mit der eigenen Lebensrealität in Abgleich bringen lassen – man ist nur dann gut in einer Position, wenn man nicht das Gefühl hat, dafür sein restliches Leben zu opfern. Märtyrer gehören in die Geistesgeschichte, nicht in die Berufswelt. Begeht nicht Karōshi. Das ist es nicht wert. Man muss wissen, wann Feierabend ist. Kurz: Nehmt nur Stellen an, die eure Beziehungen, Interessen und Finanzen gleichermaßen fördern oder zumindest nicht zu stark belasten. (Dennis)

Know your stuff

  • Keine Initiativbewerbungen: Die hochgelobten Initiativbewerbungen sind meiner Erfahrung nach vollkommen gehyped. Die großen Verlage werden auch damit überrannt und die kleinen Verlage haben nicht die Möglichkeiten, mal schnell eine Stelle zu schaffen. Das Konzept bringt meines Erachtens nur etwas, wenn man einen gezielten Tipp bekommt, dass es bei einem bestimmten Unternehmen tatsächlich was bringt. (Hanna)
  • Nicht um jeden Preis nach dem vermeintlichen Traumjob suchen: Es gibt nicht nur einen Traumjob. Fast genauso wichtig wie die Jobbezeichnung sind die Kollegen, der Chef, das Unternehmen an sich, der Standort … Wenn eine andere Art von Job, an die man erstmal nicht gedacht hat, klappt, sollte man die nehmen! Erfahrungen sind prinzipiell immer gut und wenn man nach zwei Jahren immer noch seinem Traumjob hinterher trauert, kann man jederzeit einen neuen Versuch starten. Aber je mehr man sich fokussiert – in welcher Hinsicht auch immer -, desto weniger Angebote gibt es. (Hanna)
  • Netzwerken: Ja. Sagt jeder. Social Media, Konferenzen, Messen, Projekte, Initiativen. Machen aber irgendwie gar nicht viele und deswegen ist es ein guter Weg, sich zu profilieren. Zumindest während des Studiums und kurz danach, wenn man a) selbst noch nach Orientierung sucht und b) viel Zeit hat. Ehrenamt sollte natürlich nur ausgeübt werden, wenn man wirklich Spaß dran hat, aber dem Lebenslauf schadet es in Maßen auch nicht. (Dennis)
  • Agenturen, Agenturen, Agenturen: Wohnungen findet man am besten per Makler, wenn sich nicht zufällig etwas über private Kanäle ergibt. Und so ähnlich ist das auch mit Jobs. In der Kartei einer passenden Agentur aufzutauchen, ist jedenfalls nicht schädlich. Und manchmal führt es dazu, einen passenden Job zu finden. Probiert es! (Dennis)
  • Don’t give a sh**! Der wichtigste Tipp von allen: Regt euch nicht auf. Je wichtiger das Thema, desto weniger Aufregung hat es verdient. Benehmt euch wie Psychopathen, wenn es sein muss. Aber bleibt einfach ruhig und kommt irgendwie durch. (Dennis)

Also: Ruhe bewahren. Der Arbeitsmarkt für Geisteswissenschaftler ist nicht gut. Es gibt sogar Vereine, die sich mit diesem Problem beschäftigen (wenn auch mit eher mediokrer Website). Das heißt aber auch, dass es allen so geht. Ein Job oder kein Job ist kein Indikator dafür, ob jemand eine gute Arbeitskraft ist oder nicht. Hanna neigt dazu, Arbeitssuche für ein komplettes Glücksspiel zu halten. Dennis denkt, dass das Prinzip hinter der Arbeitssuche antirational arbeitet: Je mehr man sich bemüht, desto schlimmer wird es.

And now to something completely different: Liebe Personaler …

Liebe Personalverantwortliche in den Verlagen – und natürlich auch in allen anderen Unternehmen -, wir müssen an dieser Stelle auch mal ein paar Dinge loswerden, die nicht gehen. GAR NICHT. Da wären:

  • Keine Eingangsbestätigung (v.a. bei E-Mail-Bewerbungen)
  • Keine Antwort (also so gar nie …)
  • Online-Bewerbungssysteme (funktionieren meist nie so, wie sie sollen, und sind überflüssigste Mehrarbeit, weil alles Wichtige eh schon im Lebenslauf steht)
  • Wochenlang nichts von sich hören lassen und dann spontan am Telefon fragen, warum man gerade an diesem Unternehmen interessiert ist (als ob man sich nur bei einem einzigen Unternehmen beworben und seine Unterlagen auswendig gelernt hätte …)

Liebe Bewerber, bei solchen Unternehmen solltet ihr dann auch zweimal darüber nachdenken, ob ihr da arbeiten wollt. Oder dreimal.

Du lernst einen Verleger auf einer Party kennen …

… was denkst du? Mit unserer November-Umfrage endet das Dreigespann der nicht ganz ernst gemeinten Meinungsbilder über die Akteure der Buchbranche. (Nein, nächsten Monat kommt nicht: „Du lernst jemanden auf einer Party kennen, der sagt er liest Bücher. Was denkst du?“)

Bashing, Kommentare und Feedback wie immer jederzeit willkommen!

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