Zwei Rezeptionsbefehle: Weltbild, Wattpad und die Zukunft

Da mir gerade für einen langen Artikel Zeit und Gesundheit fehlen, nehme ich meine Aggregatorenrolle als Blogger wahr und verweise auf einen spannenden Podcast und einen lesenswerten Essay:

  • Jochen Krisch und Marcel Weiß diskutieren in „Exchanges #37“ das Ende von Weltbild und – gesondert – das Thema Goodreads, Wattpad, Social Reading. Eine sehr inspirierende Stunde!
  • Die Branche im Wandel – Die Zukunft der Buchindustrie“ ist ein medientheoretischer Essay von drei profunden Autoren, die u.a. diskutieren, was der „Kern“ der „Buchbranche“ ist und wo es hin gehen kann. Klingt nach der 31. Neuauflage des Themas „Werdet innovativ!“, ist aber schön aufbereitet und liefert einige Anregungen.

protoTYPE geht 2014 in die dritte Runde

Ich war damals 2012 bei der ersten Runde dabei und fand protoTYPE spannend und lehrreich. Inzwischen hat sich das Projekt von AKEP und Forum Zukunft deutlich weiterentwickelt. Wer dabei sein möchte findet hier alle Infos:

Kreative Köpfe gesucht: Anmeldung für protoTYPE 2014 startet am 8. Januar

Ab heute, den 8. Januar 2014, sucht protoTYPE wieder Ideengeber für innovative Projekte und neuartige Lösungsansätze. Unter dem Motto „Schluss mit reden, Zeit zu handeln!“ richtet sich protoTYPE an alle Vor-, Quer- oder Nachdenker der Buch- und Medienbranche, die Lust haben Neues auszuprobieren. Die Teilnehmerzahl ist auf 30 beschränkt, Anmeldeschluss ist der 4. Februar 2014.

Im Zentrum des Projekts steht die Suche nach neuen Produkten, Dienstleistungen oder Verfahren. Zum Auftakt treffen sich die Teilnehmer während der Leipziger Buchmesse (15./16. März). Am Ende des Wochenendes stehen die Projekte fest, die über die nächsten sechs Monate weiter entwickelt werden. Jedes Team wird von einem erfahrenen Branchenexperten begleitet: 2014 sind dies Miriam Hofheinz (Bookwire), Volker Oppmann (LOG.OS), Prof. Dr. Okke Schlüter (HDM Stuttgart) und Dr. Harald Henzler (smart digits).

Den Abschluss findet protoTYPE im Oktober 2014 zur Frankfurter Buchmesse. Ziel ist die Entwicklung „echter“ Projekte, die später innerhalb der Branche zur Anwendung kommen und so real die Zukunft beeinflussen können.

protoTYPE ist eine Initiative des Forum Zukunft und des Arbeitskreises Elektronisches Publizieren (AKEP) im Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. Dabei stellt der Börsenverein die nötige Infrastruktur für den kontinuierlichen Austausch der Teams, das Projektmanagement und die Moderation für die Innovationsprozesse zur Verfügung.

Zur Anmeldung: https://www.innovation-prototype.de/?page_id=3067

Ich will mehr Bücher mit Mäusen und anderen Leckereien [Adventskalender]

Ich hatte ja gehofft, dass Luise diesen Beitrag für mich schreibt. Die hat mehr mit der Branche zu tun als ich.
Aber sie hat gesagt, sie hat letztes Jahr schon was geschrieben und will die Leute nicht langweilen. Außerdem hat sie keine Zeit, hat sie gesagt. Und wenn ich Dennis verspreche, etwas zu schreiben, dann müsse ich das auch halten. Hat sie gesagt.
Sie redet viel, wenn der Tag lang ist. Und ist eigentlich auch nie so richtig an meiner Meinung zum Branchengeschehen interessiert. Vielleicht kann ich ja mit Dennis in Köln ’ne WG gründen.

Wenn ich mir etwas vom Buchbranchen-Christkind wünschen darf, dann wäre ich für geschmackvollere Bücher.
Wildragout, Kaninchenleber, Pecorino. So in diese Richtung. Das ist ja schließlich grad DAS Thema, um die Digitalisierung zu überleben: Adressatengerecht veredelte Papierbücher! Oder?
Ich bin jedenfalls voll dafür.
Natürlich sind auch die klassischen Geschmacksrichtungen okay. Es gibt Tage, da ist so ein leichtes, sommerfrisches Dünndruckpapierchen genau das Richtige und an anderen muss es was deftiges sein. So’n schöner Nackenbeißer auf grobem Papier.
Aber gibt’s da nicht noch mehr?
Wie gesagt, mir schwebt etwas vor wie Wildschweinsalami, oder Rauchschinken.

Alle Welt spricht immer von Cat Content, aber mal im Ernst: Ich habe ihn bis jetzt nicht gefunden. Luise hat mir mal was zu lesen mitgebracht: Von Mäusen und Menschen. Von wegen, Mäuse! Es ging letztendlich doch wieder nur um Menschen. Sterbenslangweilige Schote. Und sehr fad im Abgang.

Also, liebes Christkind: Bücher mit Inhalten für uns, nicht für Euch!
Irgendjemand bei Euch muss doch wissen, was uns schmeckt. Und übrigens- nur, weil wir etwas gern essen, möchten wir es nicht ausschliesslich goutieren.
Ihr esst ja auch nicht jeden Tag das Gleiche.

Dieser Cat-Content stammt von Indiana Jones, Kater in Osnabrück. „Indy“ teilt seinen Lebensraum großzügig mit Luise Schitteck, ehemalige Buchhändlerin und nun bei readbox für Marketing und Vertrieb zuständig. Kontakt über sein Frauchen: Twitter, Facebook, Blog.

Einfach nur ein gutes Buch [Adventskalender]

Ich weiß nicht, warum ich zu einem Artikel für diesen Adventskalender aufgefordert wurde. Ich bin 69 Jahre alt, lese gelegentlich ein Buch, aber habe mit Internet und diesen ganzen technischen Entwicklungen nicht viel am Hut. Einmal hatte ich einen E-Book-Reader. Allerdings bin ich an der technischen Bedienung gescheitert, so dass ich nach wie vor gedruckte Bücher lese.

Was ich mir also von gedruckten Büchern und demzufolge auch Buchläden wünsche, ist, dass es gute Bücher zu kaufen gibt – die ich meinen Freundinnen mitbringen oder vielleicht einem Verehrer schenken kann. Ich verlange keine großen Dichter wie Schiller oder Goethe, sondern einfach einen gut geschriebenen Roman. Einen ohne explizite Szenen. Als ich das letzte Mal in einer Buchhandlung war, wurde ich am Eingang geradewegs von einem Bücherstapel voller Erotikbücher erschlagen. Nennen Sie mich gern altmodisch, aber das ist einfach nichts, das ich meinen Freundinnen schenken möchte. Und erst recht nicht Eduard … verzeihen Sie, ich schweife ab.

GrandmotherVor ein paar Wochen hatte Charlotte, eine gute Freundin von mir, Geburtstag. Charlotte ist eine Frau, die gerne kocht und bäckt und am liebsten Familie und Freunde ausgiebig verwöhnt. Da sie auch gerne liest, wollte ich ihr einen schönen Roman zum Schmökern schenken, gern mit einer romantischen Geschichte – Frauen unseres Alters sind meist ein wenig romantisch, wie Sie vielleicht wissen. Aber: Alle Liebesromane, die ich in die Hand nahm, handelten entweder von jungen, dummen Hühnern oder waren bereits im Klappentext zweideutig formuliert. So etwas konnte ich Charlotte doch nicht schenken! Ich habe dann einen Krimi gewählt, da ich bei diesem eher das Gefühl hatte, dass er keine schmierigen Szenen enthält.

Ich wünsche mir, dass es 2014 wieder mehr Bücher gibt, mit denen ich meinen Lieben (und gelegentlich auch mir selbst) eine Freude machen kann.

Martha ist die Hauptfigur des legendären Groschenromans „Heiße Liebe bei 70°“, der irgendwann in den nächsten fünf Jahren hoffentlich zu Ende geschrieben und dann als Welterfolg veröffentlicht wird. Martha ist eine ältere Dame, die von ihrem Ehemann sitzengelassen wurde und jetzt bei einem Sauna-Besuch einen neuen Mann – Eduard – kennenlernt. Ihr dürft gespannt sein!

Schenkt keine unerwünschten Bücher! [Adventskalender]

Als ich damals meine Ausbildung im Buchhandel begann, stand für mich im Vordergrund: Ich liebe Bücher. Bücher haben mir schon immer mehr gegeben als andere Medien – und heute verdiene ich meinen Lebensunterhalt damit, sie zu verkaufen. Oder besser: Ich verdiente bislang mein Leben mit dem Verkauf von Büchern. Denn leider kann man davon nicht mehr leben.

Nun könnte ich lamentieren, dass uns große Filialisten und branchenfremde Online-Riesen das Geschäft ruinieren- Dass eine Unterhaltungs-Ökonomie an die Stelle der Buchkultur gesetzt wird und dass wir, wie ein Verfechter digitaler Medien einmal sagte, mit Spiele-Apps um die Aufmerksamkeit der Menschen konkurrieren.

Ich könnte lamentieren, dass Bücher heute nicht mehr mit der gleichen Sorgfalt wie früher produziert werden, dass es immer mehr Massenware gibt – und für diese Waren keine Massen. Siehe oben. Kurz: Dass das nicht mehr meine Buchbranche ist.

Aber darüber rege ich mich gar nicht auf. Ich rege mich allgemein nicht mehr auf, vielleicht ist das einer der Vorzüge des (oder der) in Ehren Ergrauten.

Doch auch, wenn ich mich nicht aufrege, stört mich eine Sache: Ich kann damit leben, dass weniger Bücher gekauft werden und mehr Zeit und Geld anderen Medien zufließt. Aber ich kann nicht damit leben, was jedes Jahr zu Weihnachten geschieht. Menschen kaufen Bücher, die niemand haben will, um sie Leuten zu schenken, die sie erst recht nicht haben wollen. Oder: Leute bekommen Bücher geschenkt, die sie nicht zu würdigen wissen; vielleicht wirklich gute Bücher.

Meine Nichte (17) bekam zu ihrem Geburtstag im Oktober einen Band von Hermann Hesse, der noch heute eingeschweißt im Regal steht, wie ich feststellte, als ich Plätzchen vorbei brachte. (Die Plätzchen erfreuten sich übrigens größter Beliebtheit.) Das ärgert mich nicht so sehr, weil der Band von mir stammte und ich ihn sehr passend zu ihrem aktuellen Liebeskummer fand. Es ärgert mich, weil dem Buch als Medium so wenig Vertrauen entgegen gebracht wird: Wäre es eine Film-DVD gewesen, hätte sie den Inhalt sicherlich angesehen. Ein Buch dagegen verspricht, öde, schwerfällig und zu lang zu sein.

Kelvin Kay @ Wikimedia Commons

Daher wünsche ich mir drei Dinge:

  1. Verschenken Sie nur Bücher, von denen Sie sicher sind, dass sie dem Beschenkten gefallen könnten. Lassen Sie sich dabei gerne von Ihrem Buchhändler beraten – dafür ist er da. Verschenken Sie keine Bücher aus Verlegenheit; dann schenken Sie lieber Blumen, Pralinen oder andere sinnliche Freunde, die nicht in Regalen verstauben.
  2. Sagen Sie denjenigen, die Sie beschenkt haben, was mit ihren Geschenken passiert ist. Wenn das billige Taschenbuch ungelesen auf dem Speicher gelandet ist, sagen Sie das. Und dann geben Sie dem Schenkenden 1. zu lesen.
  3. Sorgen Sie mit Hilfe von 1. und 2. und auch ansonsten nach Kräften dafür, dass dem Buch ein besserer Ruf anhaftet. Das Buch hat es nicht verdient, als öde zu gelten. Nichts wäre falscher.

Und nun genug lamentiert: Fröhliche Weihnachten!

Andrea Reifenpass, 53, arbeitet in einer kleinen Buchhandlung in der Nähe von Bielefeld ohne Social Media- oder sonstigem Online-Auftritt.

Offene Ohren und Herzen [Adventskalender]

Das vergangene Buch-Jahr war für mich viel ermutigender, als ich das vor zwölf Monaten gedacht hätte. Spätestens seit der Buchmesse habe ich das Gefühl, dass die Branche angekommen ist in Digitalien. Es hat sich herumgesprochen, dass E-Books nicht der Untergang des Abendlands sind, und die meisten Verlage sind bereit und mutig genug, neue Wege zu gehen. Das heißt aber auch, dass die Zeit des Aufbruchs, der Visionen, des eifrigen Bekehrens vorbei ist. Jetzt kommt die eigentliche Arbeit und damit wohl auch die Ernüchterung.

Silke HartmannIch war in diesem Jahr auf einigen spannenden Konferenzen und Veranstaltungen, bei denen es in irgendeiner Form um die Zukunft des Publizierens und der Buchbranche ging. Es war schön zu erleben, dass die grundsätzlichen Fragen vorerst geklärt zu sein scheinen, neue Projekte umgesetzt werden und weiterhin gute Ideen entstehen. Alle Veranstaltungen waren eigentlich ermutigend – und doch fehlte mir Dynamik und Inspiration. Von ein paar Key Notes abgesehen, bleiben wir viel zu oft ohne wirklichen Input von außerhalb unserer Wohlfühlgruppe, lassen dadurch Potenzial ungenutzt und drehen uns im Kreis. Wir kochen zu sehr im eigenen Saft und bremsen uns dadurch aus.

Für das neue Jahr wünsche ich mir deshalb für die Branche vom Christkind Offenheit und Neugier aufeinander. Oder weihnachtlicher ausgedrückt: offene Ohren und Herzen. Ich wünsche mir, dass wir über unsere eigenen Branchen- und Denk-Grenzen hinweg miteinander ins Gespräch kommen und dass dabei flammender Amazon-Hass nicht der einzige gemeinsame Nenner bleibt, sondern wir einander zuhören und bereit sind, die Meinung des anderen anzuerkennen und im Idealfall zu berücksichtigen. Ich wünsche mir, dass sich Digitalos und Buchtraditionalisten auf Augenhöhe begegnen, dass Wissenschaftsprofis von Belletristen lernen, Buchhändler von Start Ups inspiriert werden, Verlagis auf Autoren hören, Geschäftsführer mit Praktikanten diskutieren, wir alle über den Tellerrand der Branche hinaus sehen und irgendjemand mal endlich diesen Leser kennen lernt. Auch wenn das alles unbequem und anstrengend werden könnte. Deshalb wünsche ich mir vorsichtshalber auch noch Durchhaltevermögen, Enthusiasmus und ein dickes Fell für jeden von uns. Das werden wir dann wieder gut brauchen können in 2014.

Silke Hartmann arbeitet als Lektorin beim Wissenschaftsverlag Vandenhoeck & Ruprecht. Unerschrocken im Umgang mit Mensch und Technik interessiert sie sich für (fast) alles Digitale und findet es äußerst spannend, mitten in einer Branche im Wandel zu stecken. TwitterBlogFacebookXing.

2014 – Mut zur Fantasie! [Adventskalender]

Mit so einem Wunsch bin ich doch in der Buchbranche eigentlich nicht so verkehrt – schließlich wird hier aus Fantasie etwas Handfestes gemacht. Und gleichzeitig ist es traurig, dass ich unserer Branche das erst wünschen muss, sollte es doch eigentlich selbstverständlich sein. Der Kapitalismus hat sie wohl geschluckt, die Fantasie …

Die Verleger oder Programmleiter sollten sie wieder bekommen. Traut euch mehr Fantasie! Stellt euch den Erfolg eines Buches vor, das mal nicht den 08/15-Richtlinien sogenannter Bestseller entspricht, mal keine Dystopie, keine Erotik, keine großen Namen. Auch der Nachwuchs kann etwas, man muss ihn nur mal machen lassen und ihm eine Chance geben. Die Autoren-Dinosaurier sterben irgendwann aus, wer soll denn dann unsere heißgeliebten Bücher schreiben? Und traut auch den Lesern die notwendige Fantasie für diese Bücher zu. Prima Beispiel: Daniel Kehlmann. Auch wenn er den Deutschen Buchpreis dieses Jahr nicht bekommen hat, ist er ein super (und ich weiß ja, wie wichtig das ist: umsatzstarker) Autor, dem man eine Chance gegeben hat. Ja, seine ersten Bücher waren keine Bestseller, aber es kam ja in Gang. Und heute ist er nicht mehr wegzudenken aus der deutschen Buchszene. Weil da mal ein/e Lektor/in, schließlich ein Programmleiter und am Ende ein Verleger Mut und Fantasie besaßen. Bravo! Mehr davon!

Auch die Personaler brauchen mehr Fantasie! Ein geradliniger Lebenslauf ist Gold wert, das habe ich schon feststellen dürfen. Schon mit dem ersten Praktikum muss man seine spätere Laufbahn festlegen – wie realistisch das doch ist! Wieso darf man nicht mehr rumprobieren und sich ausprobieren? Das Pressepraktikum war’s nicht? Na dann halt was anderes. Die Buchhandlung hat doch nicht so viel Spaß gemacht? Dann halt Verlag! Oh nein! Das ist schon viel zu viel Abwechslung für deutsche Personaler. Man könnte ja Erfahrungen aus verschiedenen Bereichen mitbringen – wer braucht denn so etwas? Entschuldigung, ich werde zynisch. Und das Thema gibt’s ja auch schon. Nur eine Bitte: Liebe Personaler, schaut doch mal über den Tellerrand hinaus, es gibt potenzielle Mitarbeiter, die wertvolle Erfahrungen mitbringen, auch wenn diese nicht im Anforderungsprofil genannt sind. Nur Leute mit Fantasie können Bücher voller Fantasie herstellen.
Und und übrigens: Achtet doch mal bitte auf die Soft Skills derjenigen, die ihr auf die Bewerber loslasst – da ist auch noch einiges zu tun!

John Elsas. Meine Bilder werden immer wilder
Ist man mit Phantasie versehen
so kann man bei mir sehr schönes sehen, 17/7/1930 (John Elsas)

Auch den Buchhandlungen wünsche ich mehr Fantasie. Bestseller, Spitzentitel und Co – ihr habt es bestimmt nicht leicht, die richtigen Bücher für eure Buchhandlung auszusuchen. Ein tolles Marketing ist da ein gutes Hilfsmittel, das ist schon klar. Da können die kleinen Verlage, die nicht mit den Giganten mithalten können, weil sie ca. 5% von deren Marketingbudget haben, leider einpacken. Ich gehe nicht in eine Buchhandlung, um überall nur Stapel von J. K. Rowlings neuem Buch zu sehen, daneben die alt bekannten Krimi-Autoren und alle anderen von der Bestseller-Liste. Nein, ich suche das Außergewöhnliche, die Bücher mit Fantasie (mal ehrlich: die Top-Autoren, die jedes Jahr 2 Bücher auf den Markt werfen – wie viel Fantasie steckt denn da noch drin?), die Bücher, die mich begeistern, anregen, nicht mehr loslassen. Nicht die, die ich lese und wieder vergesse. Liebe Buchhändler, könnt ihr bitte mehr von den fantasievollen Büchern in eure Läden stellen? Die anderen dürfen auch da sein – die garantieren den Umsatz. Aber für die Kunden mit mehr Fantasie bitte auch ein paar von den anderen. Und noch ein Einsatzgebiet für mehr Fantasie: Überlasst die Feld doch nicht komplett Amazon. Schließlich bietet ihr das Gleiche und noch besser. Studien ergeben, dass die Deutschen viel lieber in Buchhandlungen Bücher stöbern als online. Also duckt euch nicht, sondern zeigt, was ihr könnt!

Susann Harring ist freie Lektorin sowie Lektorin für Kinderbücher in einem Münchner Verlag und Leitungsmitglied der Städtegruppe München der Jungen Verlagsmenschen. Wenn sie mal nicht hauptberuflich liest, liest sie als Literaturkritikerin für eine Tageszeitung und für ihren eigenen Blog. Ihre liebsten Bücher sind die, die ihr etwas ganz Neues bieten – die mit Fantasie. Xing, Blog

"Mehr Katzen in Führungspositionen!" [Adventskalender]

Ich wünsche mir zu Weihnachten, dass es keine Schreibblockaden mehr gibt. Jeder, der muss, soll oder will, sollte auch schreiben können. Kein stundenlanges Starren auf den Bildschirm (wahlweise das gute alte Blatt Papier), kein Prokrastinieren, keine Ideenlosigkeit, kein Ideenklau und kein tagelanges Feilen am ersten Satz. Im Interesse aller Autoren, Blogger, Journalisten, Studenten, Texter und sonstiger Schreiberlinge! Wer weiß, wie viele gute Romane uns schon durch die Lappen gegangen sind, weil so ein mieser kleiner Schreibblockadenwicht sich im Kopf des potenziellen Autors eingenistet hatte. Damit soll jetzt Schluss sein. Ich will, dass alle Menschen ihr kreatives Potenzial voll entfalten können. Nicht, dass ich alles lesen will, was dabei heraus kommt… Aber es geht, wie so oft, ums Prinzip.

Ich wünsche mir außerdem mehr Katzenliteratur. Literatur über und von Katzen! Eine Katze für jeden Verlag. Einen Katzenkalender für jeden Verlag. Und dass YouTube wieder ausschließlich für seinen ursprünglichen Zweck verwendet wird: Katzenvideos. Ich bin außerdem für mehr Katzen in Führungspositionen!

Abgesehen davon, was soll man dieser Branche wünschen? Ich mache mir keine Sorgen um das Buch und seine Zukunft im digitalen Zeitalter. Das wäre ungefähr so, wie wenn man sich um die Zukunft der Erde sorgt. Dabei ist es der doch schnurzpiepegal, ob wir uns das Klima hier versauen. Sicher, man hat sich in den ersten Jahren etwas schwer getan mit der Digitalisierung und dem ganzen E-Book-Thema. Aber ist das nicht immer so, wenn ein neues Mitglied in die Familie kommt? Man muss sich halt erst daran gewöhnen, dass man die Aufmerksamkeit der Eltern nun teilen muss. Neuland will eben erst erkundet werden, bevor man sich dort ansiedelt. [Anmerkung der Autorin: Dieser Absatz wurde mit so wenig Sarkasmus wie möglich formuliert.]

Fot Lena AugustinVielleicht sollte ich meinen Wunsch, gemäß meiner Rolle als Fast-Absolventin, auch lieber dem Nachwuchs widmen? Aber ach, das Thema ist irgendwie auch schon durch und man verfällt viel zu leicht entweder in wütende Raserei oder in gequältes Jammern. Und das passt doch irgendwie nicht zu Weihnachten. Fassen wir also zusammen: Wenn sich nichts ändert, dann heißt es bald „Ich wollte mal was mit Büchern machen“.

Apropos, vielleicht sollte ich was mit Büchern und Internet machen. Was könnte man…? Ich hab’s, ich verkaufe Bücher über das Internet. Die Leute wählen sie online aus und ich schicke sie ihnen dann direkt nach Hause. Bis morgen. Ohne Lieferkosten. Und das Ganze braucht noch einen Namen, einen guten, starken Namen, der die Größe dieser Idee ausdrückt. Vielleicht benenne ich es nach einem riesigen Fluss. Vielleicht was mit A…

Da ich eh kein großer Weihnachtsfan bin und Wünsche doch auch immer irgendwie etwas Passives haben, wünsche ich der Branche lieber keine Wünsche mehr zu haben, sondern mehr Ideen. Ideen, bei denen der Kunde, nennen wir ihn Leser, im Fokus steht und nicht (oder nur indirekt) die Rettung eines Formats, einer Tradition oder eines antiquierten Geschäftsmodells.

Lena Augustin, Masterandin an der HTWK Leipzig, hat gerade ihre Arbeit zu „Markenführung in Buchverlagen“ abgegeben und ist deshalb außergewöhnlich gut gelaunt. Das könnte auch so bleiben, wenn sie bald eine spannende Aufgabe in einem Verlag findet. Außerdem steht sie total auf ihren Job als Schatzmeisterin im Vorstand der Jungen Verlagsmenschen, weil sie auf einmal viel mehr analoge Post bekommt. Bücher gehen digital. Briefe auch, aber nur doof.  XingTwitter

Weniger Schafe, mehr Liebe! [Adventskalender]

Wir danken Andy Artmann für seinen Adventskalender-Beitrag zum Internationalen Tag der Menschenrechte:

Hinter dieser Adventskalendertür finden sich Menschen: 2013 durfte ich so viele tolle Menschen treffen und sprechen. Uli Lang, ein leider schon verstorbener Kollege aus einer Stadt, deren Namen wir Kölner nicht aussprechen (D’dorf), sagte mir einmal: „Denk an die Demut“.

Demut? Mein Dankeschön dieses Jahr richtet sich an all die Kollegen, die es deutlich schlechter haben als wir. NSA hin, Verfassungsschutz her. Wir haben Arbeitsverdichtung. In vielen Ländern der Welt gibt es Arbeitsvernichtung. In einigen Staaten geht es sogar ums pure Überleben: Reporter ohne Grenzen e. V. zählt dieses Jahr 57 getötete JournalistenInnen und 34 getötete BloggerInnen. Über 350 KollegenInnen sind während ihr diese Zeilen lest im Gefängnis. Bei Pen lese ich, dass eine 50jährige Dichterin in Haft ist. Eine Dichterin im chinesischen Kerker? Hallo? Liu Xia wird immer wieder inhaftiert und steht unter Hausarrest aus Liebe zu Ihrem Mann und mein Kollege Andreas Lorenz berichtet aus Peking darüber.
Wer helfen möchte kann einfach Liu Xia auf Twitter folgen und damit ein kleines Zeichen setzen.

Screenshot der iPad-App Reporter ohne Grenzen von TDSoftware GmbHDemut? Die überkommt mich, wenn ich an den älteren Rollstuhlfahrer denke, der zu einer aus China stammenden Mitarbeiterin der Frankfurt Bookfair sagte: „Die einzige Veranstaltung für Informationsfreiheit auf der Buchmesse und es sind weniger Menschen da als bei Shaun das Schaf.“ So grausam kann die Wahrheit sein. Denn gerade präsentierte Art Director Gaudenz Bock und die weiteren Sponsoren, TDSoftware und die MarkStein Software, die Kiosk-App von Reporter ohne Grenzen. Gaudenz Bock gestaltete wochenlang auf eigene Kosten den digitalen Bildband „Fotos für die Informationsfreiheit 2013„. Der Reinerlös der Fotobuch-App fließt an die Menschenrechtsorganisation Reporter ohne Grenzen. Die Fotoserien und Texte, zum Beispiel aus der verborgenen Welt saudi-arabischer Frauen, sind sensationell.

Mein demütiger Weihnachtswunsch wäre, dass sich möglichst viele KollegenInnen die App runter laden und diese weiterempfehlen. Mein Weihnachtswunsch wäre, dass niemand Furcht um sein Leben und seine Gesundheit mehr haben muss – nur weil er eine Meinung hat. Mein Weihnachtswunsch wäre, dass Frau Liu Xia ihren Mann bald in Liebe umarmen kann.

Ohne jede Demut – voller Wut, wünsche ich mir – weniger „Schafe“ und mehr Liebe und Gerechtigkeit.

Andreas "Andy" Artmann. (c) privat.Andreas (Andy) Artmann ist Art Director, Dozent, Publizist, Begleiter des digitalen Wandels bei diversen großen Verlagen, engagiert sich für Pressefreiheit, Menschenrechte und eBooks. Facebook, Xing, Twitter.

Magische Orte, magische Geschichten [Adventskalender]

Liebes Buchbranchenchristkind!

Auch wenn ich in diesem Jahr nicht immer brav zu Dir war und manchmal sogar recht garstig über Dich geredet habe, möchte ich dennoch den einen oder anderen Wunsch loswerden.
Rienksz-boekwinkelDu hast eine lange Tradition im Finden und Verkaufen von Geschichten. Und dann kommt auf einmal dieses böse digitale Dingsda und statt Dich auf Deine Wurzeln zu besinnen und mit diesen Werten in eine neue Zeit zu marschieren, verbarrikadierst Du Dich hinter Bergen von Papier. Egal wie digital die neue Welt da draußen erscheint: Sie ist immer noch aus Menschen gemacht, die gute Geschichten lieben!

Ich wünsche mir von ganzem Herzen, dass Du und die Buchbranche mehr zu passionierten Geschichtenerzählern in eigener Sache werden und ihr euch dem Erzählkosmos öffnet, der nur darauf wartet, erforscht und mit neuen Geschichten besiedelt zu werden. Du bist auch nicht mehr ganz allein da draußen. Unzählige begeisterte Leser und mutige Geschichtenerzähler haben Dir und der Buchbranche bereits den Weg in die Zukunft der Geschichten bereitet und warten nur darauf, dass ihr die Einladung annehmt. Ich bin mir sicher, dass ihr euch eine Menge zu erzählen haben werdet. Ihr solltet unbedingt reden!
Barefoot Books, Concord MALiebes Buchbranchenchristkind. Ich mache mir allerdings große Sorgen um den stationären Buchhandel. Ich will ja nicht gleich die drei Geister der Weihnacht auf den Plan rufen, aber Durchhalteparolen und Lippenbekenntnisse werden den Handel nicht retten. Ich wünsche mir, dass Buchhandlungen auch in Zukunft die magischen Orte sind, an denen ich Geschichten aufstöbern kann. Ganz gleich, ob ich sie als eBook oder hochwertigen Einband lesen werde.

Amos (Alexander Maximilian Otto Serrano) erzählt mit soma-labs Geschichten, konzipiert transmediale Kampagnen und liebt gute Bücher. Facebook, Xing