Wer kann und wer nicht kann

Ein Kommentar von Hanna Hartberger zu technischer Kompetenz in Zeiten von Social Media

So sehr ich aus datenschutztechnischen und einigen weiteren Gründen Facebook bedenklich finde, verbirgt sich dahinter eine beachtliche Leistung: Alle nehmen daran teil. Es ist keinerlei technisches Know-how notwendig, um alle Welt über seine Gedanken und Gefühle – seien sie noch so privat – auf dem Laufenden zu halten. Facebook hat viele Hemmungen abgebaut, die in Zeiten von Web 2.0-Anfängen noch vorhanden waren. Jeder, jeder und wirklich jeder kann alles tun, was Facebook bietet, und dabei an einem Community-Gefühl gigantischen Ausmaßes teilhaben.

Partizipation, wohin man schaut: Links posten, das Video eines Freundes kommentieren oder den berüchtigten „Gefällt mir“-Button setzen – die Möglichkeiten, sich per Social Media mitzuteilen sind geradezu unendlich. Wenn die Privatsphäre dabei auf der Strecke bleibt, ist in ganz vielen Fällen der Nutzer selbst schuld.

Das Sicherheitsgefühl bleibt auf der Strecke

Trotzdem: Das größte Versäumnis, das ich Facebook vorwerfe, ist, dass es vielen Menschen jegliches Vertrauen in Social Media genommen hat. Dadurch, dass Nutzer alle Rechte hochgeladener Dateien abgeben oder auch dadurch, dass unklar ist, was mit den persönlichen Daten eines Benutzerprofils gemacht wird – und insbesondere wo die Grenze bei der Weiterverwendung besagter Daten ist. Keine Frage, Vertrauen im Internet ist nicht dasselbe wie Vertrauen im analogen Raum, und Vertrauen in Firmen ist auch im analogen Bereich oft eher Glückssache. Aber nicht jeder Dienst ist ein Datenhai und mit der richtigen Technologie ist zumindest ein halbwegs effektiver Schutz der Privatsphäre möglich – sofern das gewünscht ist.

Facebook verleugnet diese Schutzmöglichkeiten. Die Nutzer können sich kleine Freiräume erkämpfen, damit irgendwie die Illusion von Selbstbestimmung auch bei Facebook aufrecht erhalten werden kann. Am großen Ganzen ändert sich jedoch nichts. Und das ist allen Nutzern klar. Was sich unter ihnen unterscheidet, ist der Umgang von ihnen mit dieser Beschränkung, und was sich bei ihnen untereinander auch unterscheidet, sind die Entscheidungen, die daraus folgen. Gemeint ist insbesondere die Entscheidung, sich durch Facebook in ihrer allgemeinen Meinung zu Internet und Social Media beeinflussen zu lassen.

Die technisch weniger versierten Menschen, die vor Facebook Bedenken hatten, sich intensiver auf Social Media und alles, was dazu gehört, einzulassen, haben jetzt – gerade durch Facebook – wieder dieselben Bedenken wie am Anfang. Verständlich, aber umso bedauerlicher, weil viele kluge Menschen und Meinungen in diesen Bedenken geradezu gefangen sind. Als Folge sind sie natürlich auch gehemmt, das Internet so zu nutzen, wie sie es nutzen könnten. Natürlich ist es die freie Entscheidung jedes Einzelnen, wie er sich zum Internet positioniert. Trotzdem ist das Internet nur so gut, wie breit die Vielfalt ist, die sich darin abbildet.

Das Netz als paralleler Lebensraum

Was wir brauchen, ist eine veränderte Einstellung der Masse zum Internet. Damit die sich ändert, sind all diejenigen, die über technisches Know-how verfügen, gefordert. Gefordert, dass sie auf verständliche (!) Weise die Möglichkeiten des Internets und von Social Media darstellen und dass sie – soweit in ihrer Macht – aktiv dazu beitragen, die Neuen Medien sicherer zu machen. Social Media als paralleler Lebensraum – für viele eine Schreckensvorstellung, aber für noch mehr heute schon gelebte Realität. Eine Realität, die niemand verleugnen kann, und die vor allem Vertreter der nachwachsenden Generationen nicht mehr verleugnen wollen. Tun wir also mit dem digitalen Lebensraum das, was wir seit Jahrtausenden mit dem analogen machen: Ihn uns so gestalten, dass wir das tun können, wobei wir uns wohlfühlen.

Nachtrag: Die erste Fassung dieses Artikels wurde übrigens handschriftlich auf einem Block während einer Bahnfahrt verfasst. Laptops findet die Autorin zu unhandlich, um sie jedes Mal auf gut Glück in den Rucksack zu stecken, und zu einem Tablet hat sie sich noch nicht durchgerungen. Nichtsdestotrotz kam sie sich sehr „old-fashioned“ dabei vor.

 

Ein Gedanke zu „Wer kann und wer nicht kann“

  1. Der spannende Punkt ist m.E. der des Vertrauens. Ich vertraue einem Freund von mir. Bei facebook teile ich Dinge allen „Freunden“ gleichzeitig mit (wobei fb-Freunde natürlich was anderes sind als analoge Freundschaften). Das macht Vertrauen sehr viel schwerer. Die Aufteilung in Gruppen ist also zwingend notwendig.

    Zudem muss ich bei facebook nicht nur meinen „Freunden“ vertrauen, sondern nebenher noch einem Multi-Milliarden-Unternehmen. Alle künftigen Regierungschefs der westlichen Welt werden in 20-40 Jahren private Dinge (Liebschaften etc.) auf fb besprochen haben. Das ist durchaus ein gruseliger Gedanke. Das Vertrauen dass fb diese Daten nie einsetzt ist schon verflixt viel verlangt.

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