Zehn freie, quelloffene Evernote-Alternativen im Vergleich

Evernote-Alternativen haben es schwer

Nicht jeder Wandel ist einer zum Guten: Auch Evernote macht wieder Sorgen. Vergleich einiger Evernote-Alternativen

Wo das Problem liegt

Evernote hat sich im vergangenen Jahr einige Negativpresse geholt. Zunächst war da die Preisanhebung im Sommer. Ich sah schon damals das Problem weniger in den Kosten (ich zahle für Evernote und ich zahle gerne für Dienste, die mein Leben bereichern), sondern darin, dass der Vorfall uns unsere Daten-Nicht-Souveränität bewusst machte.

Und nun steht der grüne Elefant wieder im Rampenlicht. Das Unternehmen wollte nämlich die Datenschutzbestimmungen ändern. Hintergrund war wohl, dass man Evernote mit „intelligenten“ und lernenden Algorithmen ausstatten, also Machine Learning implementieren wollte.

Das Problem? Zur Verbesserung des Algorithmus hätten Mitarbeiter die Notizen der (anonymisierten) Nutzer lesen sollen. Ein Sturm der Entrüstung brach los, das Unternehmen ruderte zurück. (Zusammenfassung bei Golem.) Ein Wermutstropfen bleibt aber:

O’Neill reiterates that other forms of access to notes will only occur in „very limited cases“ where there’s no other choice. Evernote may have to comply with a warrant, for example, or investigate claims of harmful content or technical issues. (engadget)

Das ist natürlich an sich vollkommen inakzeptabel: In Evernote sind unzählige private Daten und noch viel mehr Metadaten. Und daher mache ich mich nun auf die Suche nach einer Alternative, die grundlegenden Datenschutz-Anforderungen entspricht.

Anforderungen für eine sichere, private, datensouveräne Evernote-Alternative

Meine Anforderungen sind hoch – ich bin eben den Komfort von Evernote gewöhnt, und abgesehen vom Fehlen eines nativen Linux-Clients erreicht Evernote bei mir in Sachen Komfort 100 Punkte. Was die neue Software leisten soll, habe ich in zwei Kategorien geteilt:

Funktionen

  1. Grundfunktion: Notizenmanagement vergleichbar mit Evernote – also eine Software, die Daten aus unterschiedlichen Quellen und in unterschiedlichen Formaten speichert und zugänglich macht. Subjektives Kriterium: Mein Workflow (ein abgespecktes GTD-System mittels Notiz-Tags) muss abbildbar sein
    (Kritisches Feature)
  2. Plattformunabhängig: Ich habe Geräte mit Android, Ubuntu und Windows in Betrieb
    (Kritisches Feature)
  3. Desktop-Client und App: Evernote nutze ich im Web (v.a. auf dem Arbeitsrechner), auf dem Desktop (Original-Client unter Windows, unter Linux mit Wine) und mobil (Android-App)
    (Wichtiges Feature)
  4. Offline-Synchronisation: Besagter Client oder die Web-Oberfläche sollte es mir ermöglichen, meine Notizen offline zu bearbeiten und dann gebündelt zu synchronisieren. Im Zug will ich arbeiten, da brauche ich Zugriff auf meine wichtigsten Daten. Außerdem wird jeder synchronisierte Client zu einem automatischen Backup
    (Kritisches Feature)
  5. Freigabefunktionen: Evernote zählt nicht nur zu den wichtigsten persönlichen Softwares, es ist auch meine wichtigste kollaborative Software. Ich muss Notizen an andere Nutzer freigeben können, idealerweise auch für nicht-registrierte
    (Wichtiges Feature)
  6. Evernote-Import: Das Datenbankformat von Evernote (ENEX) ist ein offenes Format. Das ist zwar prinzipiell schwierig, weil das auch heißt, das man auf einem nicht-vollverschlüsselten System alle Daten offen auf der Festplatte herumliegen hat, aber es ist gut, weil es von unseren gesuchten Evernote-Alternativen gelesen und verstanden werden kann
    (Kritisches Feature)
  7. Web-Clipper: Eines meiner liebsten Evernote-Tools
    (Wichtiges Feature)
  8. Erinnerungsfunktion: Ich bin inzwischen von reinen To-Do-Listen komplett abgerückt. Stattdessen weise ich Evernote-Notizen Termine zu und bearbeite sie dann – entweder, indem ich sie mir per Tag „today“ in die dynamische Tagesliste lege, sie sofort erledige, sie lösche oder sie verschiebe
    (Wichtiges bis kritisches Feature)

Sicherheitsmerkmale

  1. Open Source: Wenn es um Sicherheitskriterien geht, bin ich ein lupenreiner Verfechter quelloffener Software. Hersteller können noch so gründlich versprechen, an welche Regeln sie sich halten – das möchte ich zumindest theoretisch nachprüfen können. Und bei einer beliebten Applikation gibt es immer jemanden, der sich die Zeit nimmt, den Code anzugucken und zu schreien, wenn etwas nicht stimmt
    (Kritisches Feature)
  2. Selbst gehostet: Auf dem eigenen Server oder Webspace habe ich es in der Hand, was mit den Daten passiert. Wenn jemand den Dienst einstellt, habe ich immerhin noch eine lauffähige Lösung. Auch okay: Eine lokale Lösung, die ich verschlüsselt über Cloudspeicher synchronisieren kann
    (Kritisches Feature)
  3. Verschlüsselt: Eigentlich der wichtigste Punkt. Wären meine Evernote-Daten Ende-zu-Ende-verschlüsselbar ohne Zugriffsmöglichkeit von Seiten Evernotes, hätten wir fast kein Problem mehr. Metadaten wie Zugriffszeiten wären noch immer in fremden Händen, aber zumindest die Inhalte nicht
    (Kritisches Feature)
  4. Aktiv gepflegt: Eine veraltete Software ist immer ein Risiko, WordPress-Nutzer wissen ein Lied davon zu singen 😉 Als aktiv gepflegt sehe ich Software, deren neueste Version nicht älter als 2 Monate ist und die mehrmals jährlich aktualisiert wird
    (Wichtiges Feature)
  5. Usability: Die sicherste Lösung ist die, die nicht funktioniert – mit einem Auto ohne Reifen baut man nur sehr schwer einen Unfall. Das ist aber ja nicht die Idee hinter einer Software, die das Leben erleichtern soll. Bei einer selbst gehosteten Variante sehe ich eine Installation noch als komfortabel, wenn sie mit minimalen Anpassungen in Konfigurationsdateien verbunden ist
    (Kritisches Feature)

Die Alternativen

Es gibt eine ganze Reihe von Alternativen, deren vielversprechendste ich mir angeguckt habe. Für weitere Tipps bin ich sehr dankbar! Im Test: Laverna, Turtl, ownNote, Paperwork, SimpleNote, OpenNote, TagSpaces, Keepnote, Permanote und Leanote.

Übersicht der Evernote-Alternativen

In der folgenden Tabelle (Klick zum Dokument auf Drive) habe ich meine Ergebnisse festgehalten – ich übernehme allerdings keine Gewähr für Recherchefehler und veraltete Infos! Datensouveränität bedingt, dass man selber denkt. Meine Testkriterien sind objektiv, meine Einschätzung der jeweiligen Software subjektiv. Alle Tests und Experimente haben vielleicht zehn Stunden gedauert – wenn ich etwas falsch verstanden oder beobachtet habe, bitte melden. Stand Dezember 2016.

Evernote-Alternativen im Vergleich

Einzelfazits

Einige Lösungen fallen sofort durch: SimpleNote ist nicht sicher genug, KeepNote habe ich in keiner neueren Version als von 2012 gefunden, Permanote ist nur ein Prototyp und OpenNote sieht aus wie ein reiner Prototyp und nicht im Ansatz wie eine Alternative. (Vielleicht tue ich dem Projekt unrecht, ich habe die Demo auf Github getestet.)

Andere verdienen zumindest einen Kommentar:

OwnNote

OwnNote wäre ein guter Kandidat, allerdings war die Android-App bei mir nicht zum Laufen zu kriegen. Das mag daran liegen, dass ich es (im Web-Interface fast problemlos) auf Nextcloud laufen lasse.

Darüber hinaus sind zwei für mich recht wichtige Feature Requests seit anderthalb Jahren offen:

Dieser Weg ist also eher eine Sackgasse – es gibt viel zu viele Usability-Abstriche und zu wenige Features. Trotzdem einen Blick wert.

Turtl

When is Turtl not secure? – When someone is holding a gun to your head. (faq)

Turtl ist eine Notizapp mit Notizbüchern und Tags, die standardmäßig auf dem Rechner verschlüsselt (4096 bit PGP key) und die verschlüsselten Daten auf dem turtl-Server in eine RethinkDB speichert. Die kann man prinzipiell auch selber betreiben, um unser Kriterium der vollen Datenhoheit zu erfüllen. Dazu sagt mein Herzenshoster Uberspace: Die DB braucht etwas zu viel System

Insgesamt ist die Software schön schlank, synchronisiert live, ist auf vielen Geräten nutzbar und gefällt mir vom Ansatz her sehr gut. Eine echte Evernote-Alternative ist sie leider nicht; es fehlen zu viele Features und das Handling ist zu „träge“. An Evernote schätze ich, dass es einfach alles speichert, was ich tue: Ich muss niemals einen Speichern-Button drücken, wenn ich Tags oder Inhalte editiere, speichert Evernote alles sofort.

Außerdem präsentiert mir Evernote meine Notizen besser. Ich brauche eine Liste der gerade relevanten Notizen (z.B. mit dem Tag „heute erledigen“), zwischen denen ich im Sekundentakt wechsle und Infos herumschiebe. Auch das kann Turtl nicht.

Als sicheren Notizblock kann man Turtl aber im Auge behalten.

Paperwork

Paperwork macht insgesamt einen guten Eindruck – Usability stimmt in Ansätzen. Leider fehlt ein Desktop-Client und die Web-Versionen, die ich getestet habe, waren sehr träge und einfach weniger flüssig als Evernote (Beispiel: man kann in Evernote Web leichter und viel schneller mehrere Notizen in einer Liste parallel bearbeiten.).

Deswegen und wegen der etwas hakeligen Installation gibt es hier  nur eine neutrale, keine positive Wertung. Das System verfügt über keine internen Verschlüsselungsmöglichkeiten. Wenn dein Server also geklaut/beschlagnahmt/übernommen wird oder der Hosting Provider plötzlich zum Bösewicht mutiert, sind die Daten wieder nicht sicher. Außerdem gibt es keine Reminder. Eine echte Evernote-Alternative ist das also (noch) nicht. Trotzdem: Wenn sich jemand ans Entwickeln machen will, würde ich vielleicht mit dem Code dieses Projekts starten.

TagSpaces

Eine Demo gibt’s unter tagspaces.org/demo. Die Software ist eher eine tag-basierte Dateiverwaltung und könnte dafür recht nützlich sein. Für einen Umstieg von Evernote eignet sich TagSpaces leider erstmal nur für Leute, die basteln wollen und viel Zeit haben. (Mehr Zeit als in diesen Artikel floss 😉 )

Leanote

Leanote als Evernote-Alternative? I don't think so.Sieht auf dem Papier vielversprechend aus, allerdings benötigt das Programm immer eine lokale MongoDB – jedenfalls habe ich keine andere Möglichkeit gefunden. Das macht Leanote nicht unbedingt zum benutzerfreundlichsten Porgramm. Insgesamt ist das Projekt eher schlecht dokumentiert und/oder die Dokumentation schlecht ins Englische lokalisiert. Ein Evernote-Import könnte möglich sein oder auch nicht. Weiter als bis zum nebenstehenden Screenshot habe ich den Client jedenfalls nciht zum Laufen gebracht.

Gesamtfazit: Keine echten Evernote-Alternativen

Leider hat sich mein schnelles Urteil aus dem Sommer bestätigt: Wir sind abhängig. Es gibt keine direkten Evernote-Alternativen.

Ich sehe als Ausweg nur einen kompletten Umzug meines Workflows auf mehrere verteilte Systeme (z.B. nextCloud-Kalender für Reminder; nextCloud für kollaborative Datenbearbeitung; eine noch zu findende Software für Web-Clippings; vielleicht Paperwork für die Implementierung meines GTD-Workflows und als ewiges Gedächtnis).

PS: Anmerkung zum Datenschutz

Anmerkung zum Schluss: Datenschutz ist so eine Sache. Ich habe auf meiner tragbaren Superwanze (aka Smartphone) zig Apps, teilweise Bestandtteil der nie entfernten Hersteller-Bloatware, die mich ausschnorcheln. Ich setze selber (mea culpa) auf einigen Seiten Google Analytics, Share-Buttons, Twitter-Widgets, Facebook-Apps etc.pp. ein. Das Ergebnis-Sheet oben ist auf Drive gehostet. Ich bin kein Datenschutz-Hardliner. Insofern kann ich nicht von mir behaupten, zum Vorbild zu taugen. Die o.g. Kriterienliste sollte man also unabhängig von mir bewerten 😉

4 Gedanken zu „Zehn freie, quelloffene Evernote-Alternativen im Vergleich“

  1. Ich habe mir deinen Post aufmerksam durchgelesen.
    Leider kann ich dir nur zustimmen, es gibt keine echte alternativen. Und die, die es gibt, sind schlecht dokumentiert oder werden nicht aktiv gepflegt. So halt das Problem mit OpenSource, bringt nichts wenn sich kein Mensch drum kümmert^^.
    Statt jeder sein ding macht, sollten die Entwickler zusammenarbeiten etwas aktiv halten, was aber leider so aussieht, hat keins wirklich funktioniert. Laverna finde ich als Ansatz gut, die Daten sind im Browser gespeichert und nur die Anwendung läuft auf dem Server, aber das mit dem Synchronisieren kriege ich nicht so wirklich hin. Ansatz gut, aber das man zwingend Markdown nutzen muss und man 2 Bereich (Editor und Preview) angezeigt bekommt ist auch nicht das wahre. Turtle macht sich zumindest bei mir nicht Populär, weil man nicht mal einen Einblick bekommt wie es denn aussieht, zumindest wird auf der Seite nur die App auf dem Smartphone gezeigt^^.

    1. Ich bin gespannt, ob es in zwei Jahren vielleicht besser aussieht. Aber das hab ich mich auch schon vor vier Jahren gefragt.

      Vielleicht ist die Nachfrage einfach zu gering für so ein hochkomplexes Projekt.

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