Mut zur Übergabe

„Wie viel Mut braucht man, um eine Buchhandlung einen Tag an Schüler zu übergeben?“ Diese Frage des Börsenblatts haben Hanna und ich uns auch gestellt und haben Annaluise Erler von der Buchhandlung Findus kurzerhand im Rahmen eines Interviews ausführlich zu ihrer Aktion zum Welttag des Buches befragt. Geantwortet hat ihr Sohn Max Erler, Filialleiter der Buchhandlung Findus in Weinböhla, der dieselbe Aktion durchgeführt, aber weniger Branchenecho geerntet hat. Herausgekommen sind ehrliche und spannende Antworten, nicht nur zur Aktion an sich, sondern auch zur Positionierung einer Buchhandlung jetzt und in Zukunft.

alles fließt: Was haben Sie selbst gemacht, während die Schüler Ihre Buchhandlung führten? Konnten Sie überhaupt abschalten?

M. Erler: Nein, abschalten konnten wir nicht, wir haben in voller Personalstärke unsere Schüler begleitet und haben ihnen bei Fragen zur Seite gestanden.

alles fließt: Wie ist es gelaufen? Welche Rückmeldungen haben Sie von den Kunden bekommen? Gab es Kritik?

M. Erler: Einige Kunden waren erstaunt und überrascht, aber ich habe keine negativen Reaktionen bekommen. Im Gegenteil, einige wenige haben sich sogar bedankt und sich gefreut, dass wir den Schülerinnen die Chance gegeben haben, einmal über den Tellerrand zu blicken.

alles fließt: Wie haben die Schüler den Tag im Nachhinein empfunden?

M. Erler: Als spannend und anstrengend. Auch die Schüler haben sich bedankt, waren aber ziemlich platt am Ende. Ich denke, gelernt haben wir alle aus dieser Aktion, und das stimmt mich glücklich.

alles fließt: Würden Sie eine solche Aktion wiederholen? Sind ähnliche Aktionen geplant?

M. Erler: Auf jeden Fall. Es gibt bei uns immer unterschiedliche Aktionen, die meistens auch die Jugend mit einbinden.

alles fließt: Mal etwas provokant gefragt: Warum macht man eine solche Aktion? Kundenbindung durch Sympathiepunkte? Reiner Spaß? Arbeitsersparnis?

M. Erler: Arbeitsersparnis? Auf keinen Fall. Kundenbindung? Im gewissen Umfang schon, allerdings ist auch immer die Sorge dabei, dass sich ein Schüler oder eine Schülerin daneben benimmt. Wobei uns das zum Glück bis auf einmal erspart blieb. Spaß? Nun ja, es macht uns allgemein große Freude mit Menschen zu arbeiten, und mit Kindern und Jugendlichen im Speziellen sowieso. Und natürlich ist es zu einem gewissen Prozentsatz auch Werbung und eine Vertiefung der Zusammenarbeit mit den Schulen …

alles fließt: War das (auch) eine Marketingmaßnahme? Wie bereiten Sie sie dann nach?

M. Erler: Natürlich war es auch eine Marketingmaßnahme, die voll eingeschlagen ist. Pressetexte und ähnliches werden (wenn wir die Genehmigung haben) bei Facebook gepostet und im Laden ausgehängt. Wir besprechen die Aktion mit den Schulen und bitten die Schüler, eine Auswertung zu schreiben und/oder einen Artikel in der Schülerzeitung zu platzieren …

alles fließt: Eine sehr allgemeine Frage: Was denken Sie, braucht der Buchhandel von morgen außer Offenheit, um junge Menschen anzusprechen? Wie sieht die „Buchhandlung 2.0“ für Sie aus?

M. Erler: Der Buchhandel braucht vor allem den Mut, eine Buchhandlung zu bleiben. Wieso soll ich in eine Buchhandlung gehen, die spezialisiert ist auf Schulranzen, mir die Unterschiede zwischen einer Wii und einer Playstation genau erläutern kann, die weiß, welche Spiele IN sind und welche OUT, und mir das Buch geben kann, was ich eh schon will? Aber wenn ich eine Beratung möchte, soll ich mit einem „Kundenterminal“, oder, um genau zu sein, mit einem Computer reden? Wofür soll ich dann eigentlich meine gemütliche Couch verlassen? Meines Erachtens muss auch in Zukunft eine Buchhandlung ein Ort sein, der zum Verweilen und zum Stöbern anregt, der dem Kunden den Platz bietet, unentschlossen zu sein, und der ihm mit Sicherheit einen kompetenten und „um die Ecke denkenden“ Fachmann an die Seite stellt. Ob der Kunde diesen nutzt oder nicht, bleibt ihm selbst überlassen.

Ich denke, wir sollten bei allen Überlegungen, was wir anders machen sollten, nicht außer acht lassen, was wir gut machen und was uns vom Discounter mit der Buchabteilung unterscheidet. Denn das sind unsere wahren Stärken, auf die wir aufbauen können.

alles fließt: Wir danken Ihnen herzlich für das Interview und Ihre Offenheit!

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