"Der marxistische Müller mahlt nicht mehr, liest aber." [Adventskalender]

Das Lesen ist des Müllers Lust, heißt es schon im Volksmund. Doch der Volksmund irrt, wenn er nicht gerade lügt. Das ist weniger selten, als man denkt.
Doch der Reihe nach.
Was ist ein Müller überhaupt?
Wenn es heutzutage noch Müller geben sollte, so finden wir diese nicht in Mühlen, weil Mühlen, außer denen, die es in Freilichtmuseen zu belangweilen gibt, nicht mehr bestehen. Das ist dem technischen Fortschritt geschuldet, dem ja alle so enthusiastisch entgegenblicken. Und was bringt er? Ersten Weltkrieg, zweiten Weltkrieg, Mühlensterben. Müllersterben.
Foto von Robert HofmannDeshalb – und hier schaffe ich es, den Bogen zum Anfang zu schlagen – weil der Müller keine Mühle hat, findet man ihn heute womöglich doch in den Lesesälen der Republik, um sich von dem Handwerk seiner Väter und Großväter zu emanzipieren wie der Falter vom Kokon, die Frau vom Mann oder der Fortschritt von der Assoziation mit tödlichen Weltkriegen.
Und weil der Müller liest, ist der Volksmund doch wieder ganz nah am Zeitgeist, beobachtet das Entstehen von Veränderungen direkt aus dem Schoße der Gesellschaft heraus. Was er da verloren hat, sei dahingestellt. Aus dem Schoße der Bildung erwuchs die Gewissheit, dass nur durch Bildung bestehende Verhältnisse, die in der Unbildung entstanden waren, zu verändern seien.
Bildungsexpansion machte dem Müller das Lesen möglich. Aber was liest der Müller? Liest der Müller Bücher über das Mahlen?
Weil der Müller zuerst mal aus der bildungsfernen Schicht kommt, die Bildungsexpansion sich erst langsam und unbemerkt von hinten angeschlichen hat, um ihn letztlich liebevoll zu umarmen und zärtlich aber bestimmt auf den Boden der intellektuellen Tatsachen zu ziehen, beginnt der Müller nicht mit der Kantlektüre.
Des Müllers Habitus lässt ihn vermutlich, solange er sich durch Bildung, gekonntem Netzwerken und der Anhäufung von Kapital noch nicht die oberen gesellschaftlichen Schichten erschlossen hat, erst mal die seichtere, leichtere Literatur genießen. Die guten Philosophen fallen da leider nicht rein, sonst könnte der Müller erstmals erahnen, dass das Rattenrennen, in das die Liberalisierung der Gesellschaft, ihn unvermittelt geworfen hat, gar nicht im Interesse der Mehrzahl der Menschen ist.
Deshalb spielt der Müller erst mal mit, bleibt Klasse an sich und beneidet die gewitzten Klassen für sich, die über ihm den Kaviar verschlingen und auf den kleinen Müller mit seiner minderwertigen Bildung und dem belächelnswerten Habitus herunterspucken. Da bleibt nur Bukowski. Aber dann droht der Absturz in die Alkoholabhängigkeit und den Nichtsnutz. Und wer nichts nützt, der kriegt auch nichts. Es sei denn, es gibt ein bedingungsloses Grundeinkommen. Dann können auch Taugenichtse wieder aufleben. Doch das wird the Man schon noch zu verhindern wissen.

Wenn er nicht in dunklen Berliner Eckkneipen schläft, studiert Robert Hofmann [Facebook] Geschichte und Soziologie. Die Studierendenzeitschrift „Zur Quelle“, die er nebenbei leitet, ist die einzige, die wirklich gut ist und im Zeichen der großen Loona steht. [Homepage] [Facebook]

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